Oeko-Kommentar - Landbaugeschichte

Kleine Geschichte der Landwirtschaft


(Der nachfolgenden Darstellung des Landbaus liegen insbesondere folgende Werke zu Grunde: Achilles, Deutsche Agrargeschichte im Zeitalter der Reformen und der Industrialisierung, Verlag Eugen Ulmer Stuttgart 1993; Bittermann, Die landwirtschaftliche Produktion in Deutschland 1800 - 1950, VEB Max Niemeyer Verlag Halle 1956; Ennen/Janssen, Deutsche Agrargeschichte vom Neolithikum bis zur Schwelle der Neuzeit, Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1979; v.Frauendorfer, Ideengeschichte der Agrarwirtschft und Agrarpolitik, 2.Aufl. BLV Verlag München 1963; Haushofer, Ideen-Geschichte der Agrarwirtschaft und Agrarpolitik Band II BLV Verlag München 1958; Lüning/Jockenhövel/Bender/Capelle Deutsche Agrargeschichte Verlag Eugen Ulmer Stuttgart 1997; Tischler, Ein Zeitbild vom Werden der Ökologie, Gustav Fischer Stuttgart 1992; Trepl, Geschichte der Ökologie vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Athenäum Verlag Weinheim1994; Vogt, Entstehung und Entwicklung des ökologischen Landbaus, Stiftung Ökologie & Landbau Bad Dürkheim 2000; Zirnstein Ökologie und Umwelt in der Geschichte, Metropolis-Verlag Marburg 1996)


A. Ursprünge und Entwicklung bis in das Industriezeitalter

Die Geschichte der Agrarwirtschaft beginnt in Mitteleuropa, und darauf soll sich dieser Abriss beschränken, im Neolithikum, der Jungsteinzeit. Dies war vor ca. 7000 Jahren, also ca. 5000 Jahre v. Chr. In diesem Zeitraum trat in Mitteleuropa anstelle der seit mehr als 500.000 Jahren vorherrschenden Wirtschaftsweise der alt- und mittelsteinzeitlichen Jäger und Sammler eine Ackerbaukultur, für die kennzeichnend „die Sesshaftigkeit der Bevölkerung, die Ausbildung von beständigen Ansiedlungen mit dauerhaften, vom Menschen errichteten Behausungen, die Zähmung und Züchtung von Haustieren, systematische Züchtung von Anbaugetreiden und anderen Nutzpflanzen aus den entsprechenden Wildformen, großflächige Rodungen und der Ackerbau auf eigens bearbeiteten Anbauflächen“ (Ennen / Janssen) war. Der Mensch ging also dazu über,

- sich nicht nur von frei wachsenden Pflanzen bzw. deren Früchten und wildlebenden Tieren durch Aneignung zu ernähren,

- sondern selbst die Grundlage seiner Ernährung zu beeinflussen bzw. zu produzieren.

Diese neuen Wirtschaftsformen  waren offensichtlich die Voraussetzung für eine erhebliche Bevölkerungsexpansion, die sich im Neolithikum vollzog.

Worauf der Übergang von der Nahrungsbeschaffung durch Sammeln und Jagen auf die Nahrungserzeugung der Agrarwirtschaft zurück zu führen ist, scheint wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Sicher ist nur, dass diese Entwicklung in Mitteleuropa erst Jahrhunderte bis Jahrtausende nach einem entsprechenden Entwicklungsschritt im Vorderen Orient und Vorderasien erfolgte und dass dies zeitlich über Südosteuropa, Anatolien, Palästina und dem Zweistromland rückverfolgbar ist. Der Übergang zur agrarischen Wirtschaft ist für das Zweistromland schon im neunten vorchristlichen Jahrtausend festgestellt worden und entwickelte sich zeitlich und geographisch bis ins sechste vorchristliche Jahrtausend in Richtung Mitteleuropa, so dass für Mitteleuropa die Übernahme dieser Wirtschaftsform aus dem Vorderen Orient angenommen werden kann. 

Allerdings ist  der Übergang von der Jäger- und Sammlertätigkeit zur Agrarwirtschaft keineswegs in einem Zug erfolgt. Einzelne, für die spätere Agrarwirtschaft typische Erscheinungen gab es auch in Mitteleuropa schon sehr viel früher. Beispiele sind feste Wohnformen (Hütten), Keramik, Feuerstellen; der Beginn der Jungsteinzeit kann deshalb auch nur als Beginn einer voll ausgebildeten Agrarwirtschaft verstanden werden. Andererseits ist auch nicht anzunehmen, dass mit Beginn der Ackerkultur sofort Siedlungen endgültig angelegt und über viele Generationen genutzt wurden; die angebauten Ackerflächen wurden nach Erschöpfung ihrer Fruchtbarkeit aufgegeben, neue Ackerflächen wurden angelegt und die Ansiedlung selbst wurde deshalb bis in die vorrömische Zeit oftmals nur von drei bis fünf Generationen genutzt (Lünig, S. 176). Dies war regional verschieden; so ist für eine Siedlung im Gebiet der heutigen Niederlande in der jüngeren Bronzezeit eine Siedlungsdauer von 500 bis 600 Jahren geschätzt worden (S.185). Da sich ohne Düngung die Fruchtbarkeit der Ackerfläche - auch bei darauf abgestellter Fruchtfolge - erschöpft, kann bei länger genutzten Siedlungsplätzen von einer Düngung ausgegangen werden. Gesicherte Feststellungen zu Bodenumlagerungen und Bodenauflagerungen gibt es für eisenzeitliche Siedlungen; die Verwendung von Mist zur Düngung kann für alle Siedlungen angenommen werden, in denen Vieh - zeitweise - in Ställen gehalten worden ist.

Es liegt auf der Hand, dass eine so entscheidende Veränderung in der Nahrungsbeschaffung, nämlich vom alleinigen Sammeln und Jagen zur menschlich beeinflussten Erzeugung, Teil einer umfassenden kulturellen Entwicklung war, die auch durch andere kulturelle Ausdrucksformen deutlich wird. Die auffallendste, weil archäologisch noch am besten erfassbar, ist die von den Trägern der kulturellen Entwicklung verwendete Gebrauchskeramik. Es handelt  sich um Keramik mit einer Verzierung der Gefäße durch Linien und Bänder, die wegen dieser Verzierung als Bandkeramik bezeichnet und allgemein - zumindest in Mitteleuropa  und Südosteuropa - den Bevölkerungsgruppen zugeordnet wird, die den Übergang zur Agrarwirtschaft begonnen bzw. vollzogen haben. Dabei wird davon ausgegangen, dass diese Bevölkerung sukzessive von Südosteuropa sowie von Südwesteuropa nach Mitteleuropa eingewandert ist und entweder die vorhandene alt- und mittelsteinzeitliche Bevölkerung vertrieben oder überlagert hat.

Dass durch die erforderlichen Rodungen für den Anbau von Nahrungspflanzen die Landschaft verändert wurde und  dass von den gerodeten Hängen Boden abgeschwemmt wurde, liegt auf der Hand. In der nachfolgenden Zeit verursachte der Mensch auch in dem Mittelgebirgsraum die Entstehung von Lehmdecken im Hang und Auenbereich (Lüning S. 30). Es wird auch angenommen, dass durch Umschichtung von Auenlehm Reliefveränderungen der Landschaft ausgelöst wurden und dass es durch Abtragungen und Zerstörung der schützenden Vegetationsdecke zu Erosionserscheinungen kam (Lüning S. 35). In der Umgebung der Siedlungsplätze veränderte sich das Landschaftsbild vom Wald in eine Buschvegetation (Lüning, S. 65). An den Rändern entstanden durch die Bewirtschaftung Randstreifen mit eigener Pflanzenwelt. Auch die norddeutschen Flachmoorbildungen sollen durch Eingriffe der Menschen in die natürlichen Gegebenheiten entstanden sein. Daraus ergibt sich allerdings eine wichtige Erkenntnis: Der Mensch greift in die Natur schon seit 7.000 bis 12.000 Jahren ein, um sich Nahrung zu beschaffen. Und: Da diese Entwicklung - schon wegen der ungeheuren Zunahme der Bevölkerung - nicht mehr rückgängig zu machen ist, kann das Ziel der ökologischen Landwirtschaft keineswegs mehr in einer Wiederherstellung ursprünglich natürlicher, also vom Menschen nicht veränderter Gebiete und Tiere bestehen, sondern nur in einer Schonung der Umwelt und der durch Boden und Tiere verfügbaren Grundlagen der Ernährung. Dass die Feldraine, die von der ökologischen Landwirtschaft – zu Recht – befürwortet werden, nicht „natürlich“ , sondern das Ergebnis früher Ackerwirtschaft sind, belegt das eindeutig.

Tatsächlich wurde bereits in diesen Anfängen der Agrarwirtschaft der Wald, der damals zu einem hohen Anteil aus Ulmen, im übrigen aus Eschen, Eichen und Hasel bestand, umfassend gerodet. Es wird die Auffassung vertreten, dass die Landschaft mit der Nutzung von Apfel-, Birnen-, Weißdorn- und Haselholz durch den neolithischen Menschen „bereits zu parkähnlichen Landschaftsformen aufgelockert worden“ ist, „in denen die genannten Kernobstgewächse als Hecken und Büsche eine erhöhte Rolle spielten“ (Ennen/Janssen). Jedenfalls dürften durch die übliche Brandrodung größerer Flächen nachhaltige Veränderungen der Umwelt eingetreten sein. Und der den Ackerflächen angrenzende Wald wurde durch intensive Waldweidung erheblich aufgelichtet (Lüning).

Angebaut wurden in diesem Zeitraum bereits Einkorn, Emmer, Roggen, Hühnerhirse, Ripsenhirse, die Hülsenfrüchte Erbsen und Linsen sowie Lein, Borstenmohn und Kernobstgewächse. Angebaut wurden auch die aus dem Mittelmeerraum stammenden Gewürz- und Heilpflanzen Petersilie, Sellerie, Dill und Zitronenmelisse. Für unser Thema nicht ohne Interesse ist, dass auf den angebauten Flächen auch genetisch veränderte Wildpflanzen, also „Un“-kraut festgestellt wurde. Dass schon in der Jungsteinzeit ein Fruchtwechsel planmäßig verfolgt wurde, wird in der Forschung diskutiert.

Neben dem Anbau von Nahrungspflanzen begann in der Jungsteinzeit auch die Tierhaltung, wenn auch zunächst in sehr lockerer Form. Abgesehen von dem Hund, der schon seit mehreren tausend Jahren vor Beginn der Sesshaftigkeit und Agrarwirtschaft den Menschen als Haustier begleitete, waren die ersten Nutztiere Schafe und Ziegen, die im vorderasiatischen Raum bereits um 7.000 bis 6.000 v. Ch., im mitteleuropäischen Raum um einiges später gehalten wurden. Aber auch  Rinder, die aus dem Ur entwickelt wurden, sind für die Jungsteinzeit als Haus-Nutztiere nachgewiesen. Das gleiche gilt für das Schwein, während  Pferde in Mitteleuropa erst für die zweite Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends nachzuweisen sind. Zumindest für den Bereich Süddeutschland geht man davon aus, dass Vieh bereits in stallähnlichen Unterständen gehalten wurde. Auch die Fütterung von Vieh mit Laub wird belegt.

Als Arbeitsgeräte für den Ackerbau wurden Holzspaten, Haken aus Geweih oder Holz in vielfältigen Varianten sowie Hakenpflüge festgestellt, die von Zugtieren (Rindern, Ochsen) gezogen wurden. Die primitiven Haken wurden ohne tierische Hilfe, also vom Menschen gezogen. Sowohl diese primitiven Haken als auch der von Tieren gezogene Hakenpflug wiesen noch nicht die Formung auf, die zum Umwerfen der gepflügten Erde führt. Es wurden also nur Rillen gezogen, in die dann das Saatgut eingelassen werden konnte. Bemerkenswert ist, dass diese Form der Bearbeitung des Bodens im ökologischen Landbau wieder aufgegriffen wurde.

Für das ausgehende Neolithikum wird bereits die Verwendung der Sichel bei der Ernte von Getreide angenommen. Das geerntete Getreide wurde zunächst gedroschen, dann gereinigt und danach auf Darren getrocknet. Die Gewinnung von Mehl mit Hilfe von Handmühlen ist an allen jungsteinzeitlichen Siedlungsplätzen festgestellt worden. Bemerkenswert ist, dass diese Handmühlen aus vulkanischem Gestein bereits über weitere Strecken gehandelt wurden. Aus Schrot und Mehl wurde nicht nur Brei, sondern auch (Sauerteig)-Brot hergestellt; Backöfen sind auch schon für die Jungsteinzeit nachgewiesen.

Es ist selbstverständlich, dass die Menschen der Jungsteinzeit die für den Ackerbau und die Nahrungsgewinnung verwendeten Geräte weiter entwickelten, technisch verbesserten und dass damit auch die technische Anwendung dieser Geräte verbessert wurde. Und ebenso selbstverständlich ist, dass auch das übrige kulturelle Verhalten sich weiter entwickelte, wenn auch, verglichen mit unseren heutigen Zeiten, nur ganz langsam.

Kulturhistorisch wird der nächste große Schritt nach einem Fundort als Rössener-Kultur bezeichnet, die etwa 3.800 v. Ch. begann. Am auffälligsten für diesen Entwicklungsschritt ist wieder die Keramik, weil dieser Stoff über Jahrtausende haltbar ist und deshalb bei den wissenschaftlichen Feststellungen eine Leitfunktion hat. Für die Entwicklung der Agrarwirtschaft von Bedeutung sind neuartige Geräte oder Geräteformen, z.B. Siebgefäße aus Keramik, Sichelklingen aus Flint und Silex sowie sogenannte Schuhleistenkeile, die zur Holzbearbeitung verwendet wurden; weiterhin Mahlwannen und Läufersteine, Schleifwannen und Poliersteine.

Während im Zeitraum der Bandkeramik Siedlungen offenbar nur an flachen Ufern von Wasserläufen auf Lösböden errichtet wurden, gingen die Menschen der Rössener-Kultur dazu über, auch auf Lösböden in größeren Abständen von Wasserläufen zu siedeln und es wurden nunmehr auch Siedlungen vereinzelt auf anderen Böden errichtet. Daraus ist einerseits zu schließen, dass der Mensch gelernt hatte, andere Böden zu nutzen; andererseits ist aber anzunehmen, dass durch eine erhebliche Bevölkerungszunahme sowie eventuell auch durch zu starke Nutzung der bisher besiedelten Böden eine größere Ausdehnung des Siedlungsraums, verbunden mit entsprechenden Rodungen, notwendig wurde.

Kulturhistorisch wird der nächste Schritt der Entwicklung als Michelsberger Kultur, ebenfalls nach einem Fundort bezeichnet. Nach den bisher vorliegenden wissenschaftlichen Feststellungen ist davon auszugehen, dass in dieser Zeit die Viehwirtschaft zugenommen hat.

Für unsere Betrachtung ist von erheblicher Bedeutung, dass es schon in der Jungsteinzeit eine durch Spezialisierung bestimmte Arbeitsteilung gab, die dazu führte, dass nicht alle für die Versorgung erforderlichen Arbeiten innerhalb des einzelnen bäuerlichen Betriebes ausgeführt wurden. Es gab „neben den spezifisch bäuerlichen Erwerbszweigen bereits während der Bandkeramik spezialisierte gewerblich-handwerkliche Tätigkeit“ mit der Folge, „dass die Erzeugnisse dieser Handwerker z.T. über weite Strecken gehandelt wurden, wie umgekehrt die erforderlichen Rohstoffe von Fern an die Herstellungs- oder Verbraucherzentren von Werkzeugen und Geräten herangebracht werden mussten“ (Ennen/Janssen). Dies bezog sich zwar zunächst nur auf Tätigkeiten, die nicht unmittelbar mit der Gewinnung und Zubereitung von Lebensmitteln verbunden waren, insbesondere die Töpferei, ein Holzhandwerkertum und die bergmännische Gewinnung von Steinmaterial. Die auf solche Tätigkeiten spezialisierten Menschen mussten aber mit Lebensmitteln versorgt werden und es ist deshalb anzunehmen, dass schon in diesem Zeitraum auch Lebensmittel über eine mehr oder weniger große Strecke transportiert wurden. Bemerkenswert ist dies in unserem Zusammenhang deshalb, weil schon in dieser frühen Periode der Entwicklung des Menschen nicht alle Verbraucher wussten, wie im einzelnen die von ihnen verzehrten Lebensmittel erzeugt und verarbeitet wurden.

Diese Entwicklung verstärkte sich, nachdem der Mensch erfunden hatte, wie das Metall aus Erzgestein auszuschmelzen und zu eigenen Formen zu verarbeiten ist. Das begann mit Kupfer und einige Zeit später mit der Feststellung, dass eine Legierung von Kupfer und Zinn, nämlich Bronze, besonders für eine menschliche Bearbeitung geeignet ist. Dieser Zeitraum wird deshalb bekanntlich als Bronzezeit bezeichnet. Sowohl das Gewinnen von Kupfer und Zinn im Bergbau, die Herstellung von Bronze aus diesen Metallen und die Verarbeitung der Bronze zu Geräten aller Art (selbstverständlich auch zu Waffen) führte zu einer immer stärkeren Spezialisierung, die zwangsläufig auch auf die Gewinnung und Verarbeitung von Lebensmitteln zurückschlug. Zwar war vorherrschend nach wie vor der weitgehend sich selbst versorgende bäuerliche Betrieb, er war jedoch zunehmend auf fremd hergestellte Geräte angewiesen wie umgekehrt die Bevölkerungsgruppe, von der diese Geräte hergestellt wurden, auf eine Fremdversorgung mit Lebensmitteln angewiesen war.

Neben der durch eine gewisse Spezialisierung der Tätigkeiten bedingten Weiterentwicklung der Wirtschaftsformen waren vor allem Änderungen im Klima für die Erzeugung pflanzlicher, aber auch tierischer Lebensmittel von maßgeblicher Bedeutung. Klimaänderungen, die wir auch heute beobachten, gab es auch in der - am Bestehen der Erde vergleichsweise ganz kurzen - Geschichte der Menschheit in größtem Ausmaß (wahrscheinlich beruht die Entstehung des Menschen auf einer nachhaltigen Klimaänderung in Afrika). Auch während des Zeitraums von der ausgehenden Jungsteinzeit über die Bronzezeit bis zur nachfolgenden Eisenzeit kam es in Mitteleuropa zu mehrfacher Änderung des Klimas. Zunächst wurde die Feuchtperiode zum ausgehenden Neolithikum durch eine Trockenperiode in der früheren Bronzezeit abgelöst und es kam ca. 3.500 v. Chr. zu einer Klimaverschlechterung. Dann folgte in der mittleren Bronzezeit (etwa um 1300 v. Ch.) eine neue Feuchtperiode, die um 1200 v. Ch. durch eine neue Trockenperiode (mit großflächiger Versteppung und Verkarstung) und danach zum Beginn der Eisenzeit (um 800 v. Ch.) wiederum durch eine Feuchtperiode abgelöst wurde. Unmittelbare Folge war eine Änderung des Baumbestands und der übrigen Pflanzenarten, mittelbare Folge auch eine Änderung des Bestands an wildlebenden Tieren, wenn auch nur eingeschränkt. Es liegt auf der Hand, dass sich die Klimaänderungen auch auf das Wachstum der Pflanzen auswirkte, die zwischenzeitlich vom Menschen angebaut wurden; und auch die Ackerböden bzw. deren Fruchtbarkeit wurde durch die verschiedenen Klimaänderungen verändert. Der Mensch war jedoch inzwischen in der Fähigkeit, die veränderten Anbaubedingungen zu erkennen und die Anbautechnik bzw. die dabei verwendeten Nutzpflanzen zu verändern, so flexibel geworden, dass er sich den veränderten Bedingungen jeweils anpassen konnte. Diese Anpassung bestand allerdings nicht nur in Änderungen der Agrartechnik, sondern vor allem in der Verlagerung der Siedlungen in Gebiete, die für die Erzeugung der Lebensmittel besser als vorherige Gebiete nutzbar waren. Das war auch durch Überbeanspruchung des Bodens, insbesondere zunehmende Bodenversäuerung notwendig. Es wird davon ausgegangen, dass es bis zum Beginn der römischen Zeit in Mitteleuropa kaum noch Regionen gab, in denen die Vegetation ohne Einfluß des Menschen geblieben ist (Lüning).

An verschiedenen Fundorten der Bronzezeit wurde festgestellt, dass nunmehr als Haustier das Rind am häufigsten vorkam, gefolgt vom Schwein, danach Schaf/Ziege und schließlich der Hund. Das Pferd tritt ebenfalls als Haustier auf. Kulturpflanzen  sind weiterhin Gerste, Emmer, Einkorn, Saatweizen, Rispenhirse und Erbse. In der Weiterentwicklung der Agrartechnik erscheint nunmehr anstelle des von Hand gezogenen Hakens ein primitiver Pflug, der von einem Gespann gezogen wurde, so dass der Bauer hinter dem Pflug ging und diesen mit einem gleichfalls neuartigen Quergriff steuern konnte. Ein wichtiger Fortschritt in der Agrartechnik war auch der mit Rädern versehene Wagen, dessen Hauptbedeutung allerdings im Kampf, außerdem auch in Kultzwecken lag.

Der nächste technologische Fortschritt, der zur Benennung einer neuen Kulturepoche herangezogen wird, war die Fähigkeit, Eisen zu gewinnen und zu verarbeiten. In der Agrartechnik hatte dies zur Folge, dass nunmehr Beile und Sicheln aus Eisen zur Verfügung standen; die metallverstärkte Arbeitsspitze des Pfluges tritt jedoch erst in der späten Laténezeit, Streichkörper und Schar sogar in der römischen Zeit auf (Lüning). Die jetzt verfügbaren Sensen aus Eisen ermöglichten nicht nur eine erhebliche Erleichterung der Mahd von Getreide, sondern auch einen erheblichen Fortschritt bei der Tierfuttergewinnung. Die Eisenzeit brachte auch für die Agrarwirtschaft ein wichtiges Produkt, nämlich das Salz, das nunmehr gewonnen wurde. Es wurde ebenfalls zur Bezeichnung einer Kulturperiode verwendet, nämlich der Hallstatt-Kultur; denn das Wort „Hall“ war eine Bezeichnung für Salz. Für unseren Blickwinkel hat das Salz nicht nur als Geschmacksstoff, sondern auch zur Konservierung in der nachfolgenden Zeit überragende Bedeutung erhalten, so dass vor allem die Verarbeitung von Lebensmitteln eine neue Dimension gewann. Da sowohl für die Eisenherstellung als auch für die Salzgewinnung größere Bevölkerungsgruppen den landwirtschaftlichen Produktionssektor verließen, erweiterte sich zwangsläufig auch der Handel mit Lebensmitteln zur Versorgung dieser Menschen und damit wuchs auch die Zahl der Menschen, die über die Herkunft ihrer Lebensmittel keine unmittelbare Kenntnis mehr hatten.

Ein Beispiel für die Aufspaltung der Erzeugung und Herstellung von Lebensmitteln einerseits und Verbrauch andererseits ist die Heuneburg bei Hundersingen an der oberen Donau, die Jahrhunderte bis in das Hochmittelalter, beginnend in der Jungsteinzeit, besiedelt war. Die Bebauung in der Hallstatt-Zeit und der nachfolgenden Laténe-Zeit war so intensiv, dass für eine landwirtschaftliche Erzeugung von Lebensmitteln kein Raum blieb. Die Versorgung erfolgte mithin von landwirtschaftlichen Betrieben in der Umgebung, während auf der Burg handwerkliche Tätigkeiten ausgeübt wurden. Nicht nur diese, wenn auch auf einem überschaubaren geographischen Bereich beschränkte Fernversorgung der Verbraucher auf der Burg mit Lebensmitteln ist in unserem Zusammenhang erwähnenswert. Die Burg war Sitz von Fürsten, die offenbar über erhebliche Mittel verfügten, um in großem Umfang Luxusgüter im Tauschhandel aus weit entfernten Ländern besorgen zu können. Das waren nicht nur Schmuckgegenstände, sondern auch Lebensmittel, insbesondere Wein, wie sich aus Fragmenten griechischer Weinamphoren schließen lässt. Man kann vielleicht auch annehmen, dass verfeinerte Lebensmittel, wie sie im römischen Italien für den luxuriösen Bedarf der Oberschicht entwickelt und hergestellt wurden, an Fürstenhöfen wie der Heuneburg, bezogen wurden. Denn es ist davon auszugehen, dass sich diese Fürstenhöfe schon in der vorrömischen Zeit an dem luxuriösen Lebensstil der römischen Oberschicht orientiert haben.

Ähnlich wie die Höhenburgen der frühkeltischen Zeit in Süddeutschland waren auch die keltischen Oppida arbeitsteilig angelegt. Sie konnten sich ebenfalls nicht aus eigener Produktion mit Agrarerzeugnissen versorgen und waren dementsprechend auf die Versorgung durch mehr oder weniger fern umliegende Agrarwirtschaften angewiesen. Die vergleichsweise hohe Bevölkerungszahl in diesen Oppida hat auch für die von uns betrachtete Trennung von Lebensmittelherstellung und Lebensmittelverbrauch Bedeutung, wenn auch nur dem Umfang nach; denn je größer der Anteil der Bevölkerung war, die nicht in der Landwirtschaft tätig ist, desto größer musste auch die Menge der Lebensmittel werden, die ohne nähere Kenntnisse der Verbraucher produziert wurden.

Für die Landwirtschaft hat die Forschung festgestellt, dass sich die Vielfalt der angebauten Getreidearten erweiterte. Hinzu kamen insbesondere Hafer und Roggen, ergänzt durch eine intensivere Nutzung der Ölfrüchte. Auch die Hülsenfrüchte spielten gegenüber der vorangegangenen Zeit eine größere Rolle, darunter auch die Ackerbohne, die u.U., da sehr stickstoffhaltig, im Anbau als Vorfrucht verwendet wurde. Von den Ölpflanzen ist insbesondere Lein zu nennen, der auch zur Flachsherstellung diente. Als Haustier kam Geflügel hinzu.

Dass sich in der vorrömischen Eisenzeit die Zusammensetzung der Ernährung gegenüber der Bronzezeit wesentlich änderte, ist offenbar nicht feststellbar. Nach wie vor dürften Breispeisen, insbesondere aus Gerste und Hirse, aber auch aus Hafer die  wichtigsten Lebensmittel gewesen sein; sie wurden mit Kräutern gewürzt, mit Honig gesüßt oder auch mit Salz abgeschmeckt. Backöfen und damit die Herstellung von (Sauerteig)-Brot sind praktisch in allen Ansiedlungen, soweit archäologisch fassbar vorhanden gewesen. Zu Kalb-, Rind-, Schwein-, Lamm- und Hammelfleisch kam Geflügelfleisch von Huhn und Gans hinzu, außerdem auch Hühner-, Gänse- und Vogeleier. Umfassend festgestellt wurden auch Milchprodukte, insbesondere Käse und Quark. Als alkoholhaltiges Getränk ist Met nachgewiesen, ein nachhaltiger Anbau von Gerste wird aber auch als Hinweis auf Bier gedeutet; es ist allerdings nicht eindeutig geklärt, ob es vor der Römerzeit schon Vorrichtungen zum Darren/Rösten von Getreide - eventuell auch nur zum Entzug von Feuchtigkeit für eine bessere Lagerung oder zum Entspelzen - gab.

Ein nahezu revolutionärer Schub ergab sich in Mitteleuropa durch das Eindringen der römischen Agrartechnik. Das betrifft insbesondere neuartige Geräte. Dazu gehörte eine Art Mähmaschine, die aus einem eingehängten Kasten bestand, der nach vorne, also in Fahrtrichtung mit langen Zähnen versehen war; in diese Zähne schoben sich die Ähren und rissen bei der Vorwärtsbewegung von den Halmen ab, so dass sie in den Kasten fielen. Technisch verbessert oder neu waren auch Strich- oder Rebmesser, Sicheln, Sensen, Forken, Gabeln und Scheren. Ob die Römer auch schon anstelle des Hakenpflugs einen Pflug kannten, der das Erdreich umwendet, ist wissenschaftlich umstritten. Von größter Bedeutung für die Agrartechnik in der Landwirtschaft war aber vor allem die hervorragende Organisation, die zu wesentlich höheren Erträgen als in den vorangegangenen Zeitabschnitten führte. Hervorzuheben ist dabei die systematisch betriebene Tier- und Saatzucht. Die intensive Nutzung des Waldes, insbesondere durch das Brennen von Ziegeln, durch Töpfereien und Glashütten sowie für die aufwendigen Heizungsanlagen in den römischen Villen führte allerdings schon in dieser Zeit teilweise zu einer Holzerschöpfung.

Wie in der vorrömischen Zeit war Brei aus Getreide eines der wichtigsten Hauptnahrungsmittel, daneben Mehlsuppe, aber auch in großem Umfang Backwaren, insbesondere Brot. Durch römischen Einfluss sehr viel stärker verwendet wurde Öl; Olivenöl wurde aus den Mittelmeerländern importiert, einheimisches Öl wurde aus Lein, Mohn und Leindotter gewonnen, das verstärkt angebaut wurde. Wichtig waren auch Obst und Nüsse, die aber nicht nur in Kulturen angebaut, sondern auch als Wildfrüchte gesammelt wurden. Zur Fleischgewinnung wurde Vieh in großem Umfang gehalten; vermutlich wurde es nach der Ernte zum Düngen auf die Äcker getrieben und erst spät im Jahr in Ställe eingestellt. Hervorzuheben ist, dass die Römer in Mitteleuropa die planmäßige Tierzucht einführten. Das Halten von Rindern nahm gegenüber Schweinen, Ziegen und Schafen zu, offenbar weil Rinder auch als Zugtiere einzusetzen waren. Mehr geschätzt war aber wohl das Schweinefleisch und insbesondere Geflügel. Eine weitere Neuerung der Römer war die Einrichtung einer Art Schlachtbetrieb; die Trennung zwischen Viehhaltung und Schlachten, die heute in extensivster Form betrieben und zu einer Verschiebung von vergleichsweise riesigen Rinderherden quer durch Europa geführt hat, lässt sich damit allerdings kaum vergleichen. Das geschlachtete Fleisch wurde als Rindfleisch angeboten und zu Schinken und Würsten verarbeitet, auch geräuchert; Abbildungen von Metzgerläden zeigen, dass der Weg vom Lebendvieh zum Verbraucher auch damals schon über drei Stationen, nämlich den Schlachtbetrieb und den Metzgerladen, eventuell sogar noch über einen Zwischenhändler führen konnte.

Bemerkenswert ist, dass in den römischen Gebieten zur Fleischversorgung auch Lieferungen von Rindern aus dem Gebieten dienten, die nicht von den Römern besetzt waren und als „freies Germanien“ bezeichnet werden. Dies deutet natürlich darauf hin, dass  die Viehwirtschaft im freien Germanien intensiviert wurde, um auf diese Weise Einkommen zu erzielen bzw. handwerkliche Erzeugnisse aus der Produktion in den römisch beherrschten Gebiete eintauschen zu können.

Tatsächlich war die Viehhaltung  in den von Germanen besiedelten Gebieten von überragender Bedeutung, sowohl aus wirtschaftlichen Gründen (Verkauf in die römisch besetzten Gebiete) als auch zur Ernährung. Für Nord- und Mitteldeutschland sind charakteristisch die Wohn-Stall-Häuser, in denen Rinder zumindest in der kalten Jahreszeit in Ställen gehalten wurden. Wenn auch von einer „Massentierhaltung“ im heutigen Sinne nicht gesprochen werden kann, ist doch bemerkenswert, dass es im dritten und vierten Jahrhundert n. Ch. im Küstenbereich Höfe gab, in denen bis 320 Stück Großvieh gehalten wurden.

An dieser Stelle soll ein kleiner Ausflug zu den Flurformen gemacht werden: Abgegrenzte Flurformen sind schon aus der späten Bronzezeit im heutigen England und auch im Norden des Kontinents überliefert. Sie waren in der ursprünglichen Form immer rechteckig und durch Wälle oder Gräben begrenzt. Demgegenüber lassen sich in den übrigen Gebieten von Mitteleuropa für die vorrömische Zeit keine erkennbaren Fluren, d.h. durch Grenzen bestimmbare Ackerflächen, feststellen. Das änderte sich mit der Einbeziehung weiter Gebiete in das römische Reich aus zweierlei Gründen. Der eine Grund bestand darin, dass die römische Flächenabgrenzung in der Form einer sogenannten centuria auf die eroberten Gebiete übertragen wurde; bei einer centuria handelte es sich um eine Fläche von 240 x 120 pedes, etwa einem Morgen, und damit um eine Ackerfläche, die von einem Bauern mit Hilfe eines Ochsengespanns in einem Tagwerk gepflügt werden konnte. Der zweite Einflussfaktor ergab sich daraus, dass durch die erhebliche Zunahme der ländlichen Bevölkerung auch Flächen zum Ackerbau nutzbar gemacht werden mussten, die sich in Bergregionen befanden, so dass die Fluren den Verhältnissen dieser Gebiete angepasst werden mussten; das führte auch zur Anlage sogenannter Terrassenäcker mit hangseitiger Begrenzung durch Stufen.

Es lässt sich leicht vermuten, dass die heute im Blickpunkt des öffentlichen Interesses stehende Zerstörung durch Murenabgänge und Windbruch schon damals von Bedeutung war, zumal aus anderen Gebieten des römischen Territoriums die schonungslose Beseitigung von Waldgebieten bekannt ist und sich sogar bis heute auswirkt.

Mit dem römischen Einfluss wurden auch die römischen Konsumgewohnheiten in den besetzten Gebieten übernommen und damit auch die hierfür erforderlichen Pflanzen in Mitteleuropa eingeführt. Das waren zunächst Getreidepflanzen, die schon bekannt waren, nämlich Weizen, Dinkel, Einkorn, Gerste, Rispenhirse sowie Hafer, Flughafer und Roggen. Hinzukamen Bohnen, Erbsen, Linsen, Salatpflanzen und von den Gemüsen Runkelrübe, Mangold, Amarant, Möhren, Feldsalat und Pastinak sowie Mohn, Leindotter und Hanf. Von den Gewürzpflanzen wird manche noch nicht bekannt gewesen sein. Neben den bekannten Obstarten gab es eine große Zahl von Beerenfrüchten, unter ihnen die Erdbeere, Himbeere, Pflaume und Brombeere (Kroatzbeere) sowie Süßkirsche und Feigen. Neu eingeführt wurden auch die Oliven. Dass die Römer in Mitteleuropa den Weinbau einführten, ist allgemein bekannt.

Diese nachhaltigen Fortschritte der Agrartechnik hatten zwangsläufig auch auf die nicht in das römische Reich einbezogenen Gebiete von Mitteleuropa Einfluss, insbesondere auf das freie Germanien. In diesem Raum, der in dieser Zeit bis in das Gebiet von Böhmen und östlich bis Hinterpommern ausschließlich von germanischen Stämmen besiedelt war, hatte sich sowohl in den Siedlungsformen einschließlich der Hausformen als auch in der Bewirtschaftung der Böden und in der Viehhaltung seit dem Beginn der Bronzezeit nicht allzu viel geändert.

Änderungen wurden jedoch dann durch erhebliche Klimaverschlechterungen ausgelöst. Sie führten zu Wüstenbildungen und weiteten sich im Küstengebiet zu einer Katastrophe aus, die eine Abwanderung und dem folgend das Eindringen  germanischer Stämme in das römische Staatsgebiet und letztlich die Zerstörung dieses Staatswesens zur Folge hatte.

An dieser Stelle soll einiges über die Düngung nachgetragen werden: Funde haben ergeben, dass wohl schon in der ausgehenden Jungsteinzeit der Boden behandelt wurde, und zwar mit Mergel; es wurden nämlich Gruben gefunden, die in dieser Zeit zur Gewinnung des Stoffes benutzt worden sind. Diese Form der Bodendüngung wurde kontinuierlich fortgesetzt bis in die Zeit von 500 bis  1000 n. Ch.. Dazu kam in der römischen Kaiserzeit eine sogenannte Plaggendüngung, bei der Soden aus Heide, Gras oder Boden aufgetragen wurde. Es ist aber davon auszugehen, dass auch in der Zeit bis 1000 n. Ch. vielfach Höfe und Siedlungen verlagert wurden, wenn die Fruchtbarkeit des Bodens erschöpft war. Diese Verlagerung betrug allerdings oft nur wenige 100 m und es liegt nahe, dass auch dieser Umstand bei einer Verknappung der Ackerfläche durch Zunahme der Bevölkerung systematisiert werden mußte und letztlich zu einem ständigen Austausch der Flächen für die verschiedenen Formen der Bewirtschaftung führte.

Bekanntlich ist die Völkerwanderungszeit, das ist der Zeitraum ca. 300 bis 600 n. Ch. und die sich damit teilweise überschneidende Merowingerzeit (ca. 450 bis 750 n. Ch.) eine geschichtlich nicht sehr publikumswirksam behandelte Zeit. Das gilt auch für die Landwirtschaft. Zwei Umstände dürften dafür von Bedeutung sein, nämlich vergleichsweise wenig wissenschaftliche Forschungen und erhebliche lokale Unterschiede, die durch die Landname der Germanen in ehemals römischen Gebieten und dem Nachrücken slawischer Stämme in das teilweise verlassene Siedlungsgebiet der Germanen entstanden sind.

Auch für diesen Abriss der geschichtlichen Entwicklung in der Landwirtschaft muss deshalb die Zeit zwischen 300 und 900 n. Ch. ein weißer Fleck bleiben. Zu erwähnen ist jedoch, dass sich in diesem Zeitraum das Klima durch deutliche Abkühlung und Zunahme der Feuchtigkeit erheblich verschlechterte. Dies und entsprechende Funde lassen annehmen, dass die zuwandernden Siedler zunächst vorwiegend von der Viehhaltung lebten und dann erst wieder zur Ackerbestellung übergingen.

Festzuhalten ist  in unserem Zusammenhang außerdem, dass durch den Rückzug romanischer und keltischer Bevölkerungen aus den Gebieten östlich von Rhein und nördlich der Donau, aber auch teilweise aus südlicheren und westlich des Rheins gelegenen Gebieten landwirtschaftlich bestellte Flächen sich selbst überlassen und damit der Wiederbewaldung überlassen blieben. Dass dies nicht zur Bildung von „Urwald“, nämlich einer von menschlichen Einflüssen freien Landschaft führte, ist hervorzuheben. Die dann wieder zunehmende Besiedlung dieser Gebiete, vor allem durch germanische Bevölkerungsgruppen, brachte auch eine Rekultivierung, wenn auch auf kleinere und vor allem für landwirtschaftliche Nutzung geeignete Flächen beschränkt. An Stelle der nicht mehr betriebenen römischen Gutshöfe bildeten sich ländliche Siedlungen in Form von Einzelhöfen, Weilern und kleinen Dörfern. Es waren autarke Einheiten, die nur noch in geringem Maße von Fremdware abhängig waren. Sowohl in den Gebieten, die nicht in die römische Herrschaft einbezogen waren,  als auch in den zuvor römisch besiedelten Gebieten bestanden zwischen den Siedlungen große Wälder, die durch Viehweide und andere Waldnutzung in der Nähe von Siedlungen aufgelichtet waren. Das Fehlen arbeitsteiliger Produktion von Lebensmitteln und Geräten der Agrartechnik zeigt sich auch daran, dass es im freien Germanien kein ausgebautes Wegesystem gab und in den römisch besiedelten Gebieten die Straßen und Wege langsam verfielen. Lediglich die Wasserwege wurden intensiv genutzt, z.B. zum Transport von Häuten und Wolle, die länger haltbar waren. Diese Situation, die für die ehemals römisch besetzten Gebiete als eine kulturelle Rückbildung erscheint, wurde erst in der Karolingerzeit, also ab ca. 700 bis 800, durch eine Binnenkolonisation abgelöst, mit der auch wieder eine Rodung von Waldflächen begann.

Deshalb dürfte sich auch die Agrartechnik nur langsam weiter entwickelt haben. Zum Ende dieses Zeitraum steht jedoch fest, dass nunmehr der Wendepflug eingesetzt wurde; dies ergibt sich aus den gesetzlichen Vorschriften der Franken, der lex salica. Als Weidegeräte sind in der lex salica dokumentiert das Pflugmesser, der Dreschflegel, der zwischen dem 3. und 5. Jahrhundert entwickelt wurde und die Bogensichel für den Grasschnitt.

Mit der Feststellung, dass dieser Stand der Agrarwirtschaft für die Landwirtschaft der Franken und damit für den größten Teil Mitteleuropas erreicht wurde, können wir uns allerdings von der Darstellung der agrartechnischen Bodenbearbeitung für viele Jahrhunderte verabschieden. Denn mit dem Wendepflug, der auch als Räderpflug für die fränkische Landwirtschaft nachgewiesen ist, hat sich die Bodenbearbeitung sowie die Bearbeitung der im Landwirtschaftsbetrieb gewonnen pflanzlichen Rohstoffe bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, ja teilweise bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts bis auf  technische Verbesserungen kaum noch verändert. Ein Beleg dafür mag die Bemerkung eines Besuchers einer Ausstellung zur Bodenbewirtschaftung der Kelten vor einigen Jahren in Rosenheim sein: Es handelte sich offensichtlich um einen Bauern aus der Umgebung und er bemerkte ganz verblüfft zu seiner Frau, dass die ausgestellten Geräte sich von den Geräten, die seine Eltern verwendeten, eigentlich gar nicht unterscheiden. Erinnerungen aus der eigenen Familie von landwirtschaftlichen Betrieben  in Oberhessen ergeben nichts anderes und die Besichtigung von bäuerlichen Gerätschaften aus dem vorigen und vorvorigen Jahrhundert in Bauernhofmuseen bestätigt im Vergleich mit der Darstellung solcher Gerätschaften für den Zeitraum ca. 300 v. Ch. bis 800 n. Ch. gleichfalls, dass diese Gerätschaften sich nicht wesentlich unterscheiden.

Der Grund für diese Stagnation bei der Entwicklung von Geräten und Verarbeitungsmethoden dürfte darin zu sehen sein, dass die in der Landwirtschaft tätigen Menschen immer zu den untersten sozialen Schichten gehört haben. Dabei ist unter den tätigen Menschen nicht der Bauer zu verstehen, der entweder auf einem Eigenhof oder von Grundherrschaften belehnt und zinspflichtig den landwirtschaftlichen Betrieb geführt hat. Gemeint sind die Knechte und Mägde sowie die selbst arbeitenden Klein- und Kleinstbauern, die als Menschen ohne jede Machtposition und damit als billige Arbeitskräfte praktisch unbegrenzt zur Verfügung standen, so dass sich niemand um eine Erleichterung ihrer Tätigkeit durch Weiterentwicklung der Geräte kümmern musste. Die bedauernswerte Lage dieser zahlenmäßig sehr großen Bevölkerungsgruppe, insbesondere ihre unbedeutende soziale Stellung, wurde am besten dadurch dokumentiert, dass sie mit Beginn der maschinellen Bearbeitung landwirtschaftlicher Böden sang- und klanglos weitgehend verschwunden ist.

Die in der karolingischen Zeit begonnene Rodungs- und Kolonisationsbewegung  setzte sich auch in der nachfolgenden Zeit fort und führte in zuvor mehr oder weniger leere Wald- und Berggebiete. Schon mit Ende der Merowingerzeit hatte in den ehemals römischen Städten die Bevölkerung wieder zugenommen (in zahlreichen Städten, z.B. Augsburg, geht man von einer Kontinuität der Bevölkerung aus). Jetzt entstanden auch im norddeutschen Raum Handelsplätze, in denen größere Bevölkerungen von Handel, Gewerbe und Handwerk lebten und die bäuerliche Wirtschaft allenfalls eingeschränkt betrieben. Diese Handelsplätze waren mithin nicht mehr dörflich, sondern - wenn auch nicht voll - städtisch entwickelt. Ein Beispiel ist Haithabu, ein fast städtisches Anwesen im oberen Bereich der Schlei. Es ist archäologisch gut erfasst, so dass auch Aussagen über die Konsumgewohnten der Einwohner dieser Ansiedlung möglich sind. Sie ergeben, dass insbesondere Gerste, Roggen und Hafer, vereinzelt auch Weizen zur Herstellung der Lebensmittel verwendet wurden. Während in einem benachbarten bäuerlichen Anwesen vorwiegend Fleisch vom Rind und nur vergleichsweise wenig vom Schwein verzehrt wurde, war dies in Haithabu genau umgekehrt. Daraus wird der Schluss gezogen,  dass zwischen dem Konsumverhalten der Erzeuger und der Verbraucher erhebliche Unterschiede bestanden.

Die Zunahme der Bevölkerung in diesem Zeitraum zwang dazu, die Nutzung der vorhandenen Ackerböden zu intensivieren. Die schon seit Jahrtausenden bekannte Erschöpfung der Fruchtbarkeit des Ackerbodens durch Umsiedlung auf neue - oft auch umliegende - Siedlungsgebiete auszugleichen, war ebenfalls nur noch eingeschränkt möglich. Das führte zunächst dazu, die Böden zu verbessern, um höhere Erträge zu erzielen. Eine Bodenverbesserung durch Umschichtung und Düngung mit Mergel war bereits seit Jahrtausenden bekannt. In nennenswertem Umfang ist sie auch außerhalb der römisch besiedelten Gebiete seit der Zeitenwende nachweisbar. Sie wurde zunehmend gezielt eingesetzt, so dass im karolingischen Schrifttum die Düngung bereits als selbstverständlich behandelt wurde. Hinzukam im Laufe der Jahrhunderte die Düngung mit Abfällen aller Art, insbesondere mit Mist aus der winterlichen Einstellung von Vieh. Ebenso ist die Düngung mit Torf für die karolingische Zeit nachgewiesen. Die Düngung mit Plaggen war bereits längere Zeit bekannt. Neben der Düngung der Böden zur Verbesserung des Ertrags entstand jetzt auch die Dreifelderwirtschaft, mit der das Feld abwechselnd mit Winterfrucht, Sommerfrucht bebaut und dann brach liegen blieb. Die Reihenfolge wird wie folgt geschildert: „Die Brache wurde im Herbst gepflügt und eingesät, nach der Ernte dieses Winterkorns wurde im folgenden Frühjahr das Feld gepflügt und mit Sommergetreide bestellt, nach dessen Ernte das Feld wieder als Stoppelweide diente und bis zum Brachmonat des folgenden Jahres liegen blieb; um Johanni wurde die Brache unterbrochen und im Herbst des gleichen Jahres nochmals gepflügt“ (Lüning).

Diese Dreifelderwirtschaft wird, teilweise im alemannischen Bereich verändert, den fränkischen Bevölkerungsgruppen zugeschrieben und breitete sich auch erst langsam nach Norden aus. Auch in dieser Dreifelderwirtschaft waren aber die Ernteerträge gering, sie werden mit dem Dreifachen der Aussaat angenommen und setzten eine schärfere Auswahl des Saatguts voraus.

Dieser geringe Ertrag wurde bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, teilweise bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht wesentlich gesteigert.

Bei der Verarbeitung von Getreide nehmen die Wassermühlen zu. Sie waren zwar schon lange Zeit in Südeuropa bekannt, aber nur begrenzt einsetzbar, weil dort klimabedingt Bäche und Flüsse oft versiegen. Die Voraussetzungen für den Betrieb von Wassermühlen waren mithin in Mitteleuropa erheblich besser, so dass wasserbetriebene Mühlen immer mehr gebaut und eingesetzt wurden.

Im Mittelalter setzte sich auch die Arbeitsteilung zwischen landwirtschaftlicher und nicht landwirtschaftlicher Arbeit fort. Teilweise von erheblicher Bedeutung war auch weiterhin der Fernhandel, allerdings mit  einem erheblichen Auf und Ab. Zunehmend wurden Marktrechte an Grundherrschaften, wohl aber auch schon an kleinere Siedlungsformen verliehen. Zwar ging das städtische Gewerbe zurück, es wurde jedoch ersetzt durch grundherrliche Gewerbezentren, so dass weiterhin ein örtlicher und auch zeitlicher Abstand zwischen Erzeugung der Lebensmittel und deren Verbrauch in breiten Bevölkerungsschichten vorhanden war.

Die Verleihung von Marktrechten als Privileg führte dazu, dass die Städte ummauert wurden und bald für Handel und Gewerbe ein Monopol beanspruchten. Die in der Stadt erzielten Einkünfte entstammten deshalb nicht mehr den landwirtschaftlich erzielten Überschüssen, sondern waren Einkommen der handwerklich tätigen Stadtbevölkerung sowie Handelsgewinne. Damit gewann die Nachfrage nach Agrarerzeugnissen und mehr oder weniger verarbeiteten Lebensmitteln eine neue Dimension.

Auch im hohen und späten Mittelalter wurde die Gewinnung von landwirtschaftlicher Fläche nachhaltig fortgesetzt, und zwar sowohl durch eine Binnenkolonisation, also Rodung und Siedlungsexpansion im bestehenden Herrschaftsbereich, als auch durch die bekannte Kolonisation im Bereich der Havel, östlich der Elbe, Mecklenburg, Holstein sowie im Süden in die östlichen Gebiete des heutigen Österreich und darüber hinaus. Für unsere Betrachtung ist nur von Bedeutung, dass durch diese Binnenkolonisation erhebliche Eingriffe in die noch nicht erschlossene Umwelt vorgenommen wurden. Das ergab sich daraus, dass mangels besser geeigneter Gebiete nunmehr begonnen wurde, Sumpfgebiete für die Bewirtschaftung zu verändern. Neben weiteren umfangreichen Rodungen von Waldgebieten, die noch in erheblichem Umfang zwischen den bisherigen Siedlungsschwerpunkten vorhanden waren, hatten diese Eingriffe in Sumpf- und ähnliche Gebiete eine weitere Veränderung der Landschaft zur Folge. Sicher kann nicht davon ausgegangen werden, dass die in dieser Zeit neu besiedelten Gebiete von den Siedlungen der vergangenen 6000 Jahre unbeeinflusst geblieben sind, wenn auch die Waldgebiete nach wie vor als Urwald empfunden wurden. Umgekehrt betrachtet lässt sich allerdings nicht verkennen, dass die Gewinnung neuer landwirtschaftlicher Flächen einer Entwicklung entsprach, die schließlich zur weitgehenden Beseitigung von nicht bewirtschafteten Flächen und damit zu einer praktisch uneingeschränkten Beeinflussung der Erdoberfläche durch den Menschen führte.

Dass die Besonderheit der Zugehörigkeit zu einer Stadt und die damit meist verbundene Erhöhung des Lebensstandards zu einer Entfremdung von der landwirtschaftlichen Erzeugung führte, liegt auf der Hand. Dazu trug aber auch bei, dass durch den intensivierten Fernhandel  Erzeugnisse in die Städte gelangten, die zumindest im Unterbewusstsein den sozialen Abstand zu der hart arbeitenden Landbevölkerung, damit aber auch zu deren Tätigkeit, förderte.

Im 14. Jahrhundert nahm die Rodung von  Wald zur Gewinnung von Ackerfläche zunächst einmal ab. Es kam sogar dazu, dass in umfangreichen Gebieten Kulturland aufgegeben wurde und wieder verwaldet ist. Das war aber nur eine Unterbrechung der Entwicklung, weil in späteren Jahrhunderten wieder Rodungen durchgeführt wurden. Für die ökologische Betrachtung ist aber vor allem bedeutsam, dass der Wald dann nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand belassen wurde, sondern ebenso wie die Ackerflächen einer straff organisierten Bewirtschaftung unterlag, Es bleibt also dabei,  dass heute nur noch ganz geringe Flächen bestehen, die von menschlich organisierten Eingriffen frei sind. Aber auch die - geringen - Restflächen, z.B. Sumpfgebiete und Bereiche in der Küstennähe, sind längst nicht mehr „natürlich“, sondern mittelbar von der menschlichen Bewirtschaftung durchaus intensiv betroffen.

Ebenso wie in den vorangegangenen Zeiten war auch im hohen und späten Mittelalter der Anteil der Viehhaltung einerseits und der Bewirtschaftung von Äckern andererseits regional unterschiedlich, wobei die speziellen geographischen Bedingungen ausschlaggebend waren. Dies trifft eindeutig für die Almwirtschaften zu, weil dort praktisch nur Viehhaltung möglich ist. Ebenso dominierte, wie schon in den vorangegangenen Zeiten, in den küstennahen Bereichen Norddeutschlands Viehhaltung. Im übrigen ist seit dem 10. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Anlage künstlicher Plaggenböden eine ausgesprochene Vergetreidung festzustellen, die sich steigerte und vor allem auch Gebiete der Ostsiedlung umfasst. Schon Mitte des 13. Jahrhunderts werden große Mengen von Getreide aus dem deutschen Osten in die Städte im Westen und in Nachbarländern gehandelt.

Getreidesorten waren nach wie vor Weizen (Zwergweizen, Saatweizen), Gerste und Hafer sowie vor allem Roggen in Norddeutschland. Der Dinkelanbau hielt sich lediglich im Süden.

Neben den Lebensmitteln pflanzlicher Herkunft hatten allerdings auch Lebensmittel tierischer Herkunft nach wie vor ganz erhebliche Bedeutung. Der Fleischverzehr wurde offenbar sehr hoch eingeschätzt, wobei Rind- und Schweinefleisch, regional unterschiedlich, die wichtigsten Fleischarten waren.

An dieser Stelle ist ein kurzer Exkurs zur Anlegung und Nutzung von Gärten veranlasst. Denn Gärten spielen in den Anfängen der als Lebens-Reform bezeichneten Bewegung am Beginn des 20. Jahrhunderts, die Vorläufer des ökologischen Landbaus war, eine erhebliche Rolle. Die Anlegung von Gärten dürfte bereits in der Zeit und in den Gebieten der römischen Besetzung wichtig gewesen sein, vor allem für die Versorgung mit Gemüse, Würzkräutern und auch Heilpflanzen  in den römischen Gutshöfen. Ob Gärten, d.h. hausnahe und abgegrenzte Anbauflächen, auch im freien Germanien und in der Völkerwanderungszeit angelegt und genutzt wurden, ist nicht ganz klar. Für die Karolingerzeit sind aber Gärten sogar schriftlich nachgewiesen und in den Klöstern des Mittelalters wichtige Bestandteile der Klosterordnungen. Angebaut wurden in dieser Zeit neben Kräutern, Heil- und Färbepflanzen zahlreiche Gemüsesorten sowie Obstbäume. Gemüsesorten waren Kohl, Bohne, Erbsen und Zwiebeln, auch Rüben und Linsen sowie in Fortsetzung römischer Tradition in den ehemals römischen Gebieten auch Sellerie. Die Kenntnis der Heilpflanzen war, soweit es um die empirisch fassbaren Wirkungen geht, mit Sicherheit sehr umfassend, allerdings nicht auf den Gartenanbau beschränkt, sondern auch auf eine große Zahl von Pflanzen bezogen, die gesammelt wurden.

An dieser Stelle noch ein Exkurs, und zwar zur Bienenhaltung, weil die Bienenhaltung auch im ökologischen Landbau eine wichtige Rolle spielt. Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass Honig von Bienen bereits lange vor der Römerzeit in Mitteleuropa gesammelt und zum Süßen verwendet wurde. Es gibt Hinweise, dass dies schon in der mittleren Steinzeit so war, also lange vor Beginn der Agrarwirtschaft. Anzeichen für eine hausnahe Haltung von Bienen werden für die Bronzezeit angenommen. Schriftliche Belege für die häusliche Bienenhaltung gibt es neben einigen römischen Hinweisen um die Zeitenwende im hohen Mittelalter. Eine der ersten schriftlichen Quellen der deutschen Sprache aus dem Mittelalter befasst sich mit dem Verlust eines Bienenschwarms („imbi is huse ...“). Haltung und Zucht von Bienen konnten durch Bereitstellung von Bienenhäusern aus Holz, Rinde oder Weidenruten  sowie Strohbeuten bewerkstelligt werden. Jedenfalls war der von Bienen gewonnene Honig schon während des gesamten ersten Jahrtausends ein fester Bestandteil der Nahrungs- und Rohstoffgewinnung.

Es ist hier nicht der Platz, auf die unterschiedlichen sozialen Entwicklungen einzugehen, die sich vor allem zwischen den deutsch besiedelten Ostgebieten und den Altsiedelgebieten entwickelten, wobei Ostfranken und Kursachsen, obgleich ebenfalls zu den neu besiedelten Ostgebieten gehörend, in ihrer sozialen Struktur weitgehend mit den älteren Reichsgebieten  übereinstimmten. Zu erwähnen ist aber die Entwicklung in den Ostgebieten, weil sie entscheidend durch den europäischen Getreidehandel geprägt war. Die Folge waren große grundherrliche Wirtschaftseinheiten mit vorwiegend unfreier Landarbeiterschaft. Ausgelöst war dieser europäische Getreidehandel durch einen außerordentlich hohen Bedarf in den Gewerbebereichen und städtischen Niederlassungen und bei der Bevölkerung Norwegens und Englands, in Zeiten schlechter Ernte aber auch durch erhebliche Nachfrage aus Portugal, Spanien und Italien. Diese Nachfrage stieg insbesondere gegen Ende des 15. Jahrhunderts sprunghaft an und konnte aus den deutschen Ostgebieten dadurch erfüllt werden, dass die produzierten Überschüsse über die großen Stromsysteme in Hafenstädte und von dort mit Schiffen in die Gebiete des Bedarfs verbracht werden konnten. Beteiligt an diesem großräumigen Handel war zunehmend auch der Adel, der auf seinen Großgütern die Überschüsse produzierte und sich auch an den Handelsunternehmungen beteiligte.

Im Mittelalter wurde ein erheblicher Raubbau des Waldes betrieben. Vor allem der Holzbedarf für Köhler, der Glashütten und andere Gewerbebetriebe sowie der Bedarf als Heizmaterial führte zu einem Raubbau, der ganze Landstriche weitgehend entwaldete. Hinzu kam die Nutzung des Laubes; sie entzog dem Waldboden Nährstoffe und Schutz, so dass er sich nur wenig regenerieren konnte. Nach einem von Zirnstein wiedergegebenen Bericht war z.B. der Fichtelberg auf seiner Süd- und Ostseite und auf seiner Kuppe kahl; es ist bemerkenswert, dass ähnliche Zustände auf Grund moderner Umweltverschmutzung jetzt im nahegelegenen Erzgebirge festzustellen sind. Die zunehmende Holzknappheit veranlasste die Landesherren zum Erlass von Forst- und Waldordnungen, die mit der Versachlichung der Verwaltung und der Nutzung eine Erweiterung der verbliebenen Waldgebiete bewirkte. Allerdings wurden nun anstelle der vorherrschenden Laubbäume, nämlich Eichen im Tal und Buchen auf den Höhen, vorwiegend Nadelbäume, Kiefern, Tannen und Fichten gepflanzt und gefördert. Von den früheren, nur durch Jagd vom Menschen beeinflussten großen Waldungen unterschieden sich die jetzt wieder erweiterten Waldgebiete allerdings entscheidend dadurch, dass sie systematisch zur Erzielung von Ertrag gepflegt und genutzt wurden. Spätestens seit Ende des 18. Jahrhunderts beschränkte sich die Nutzung des Waldes nicht mehr auf seinen Stand, wie er ohne direkte Eingriffe gewachsen war; er wurde, wenn auch weniger als Acker oder Wiesen, durch menschliche Eingriffe einer möglichst hohen, forstwirtschaftlichen Nutzung zugeführt. Auch die bislang nur genutzten Wiesen wurden, beginnend schon im 15. Jahrhundert, nunmehr gepflegt und damit Gegenstand einer organisierten Bewirtschaftung.

Diese Entwicklung führte, im 18. Jahrhundert beginnend, zu einer Verwissenschaftlichung  der Landwirtschaft. Es entstanden Landwirtschaftsgesellschaften, die Forschungen betrieben, daneben entsprechende Fakultäten an den Universitäten und vor allem Mustergüter, die durch Versuchsanbau die landwirtschaftliche Bewirtschaftung fördern sollten und auch gefördert haben. Ein Beispiel ist der Landsitz des Herzogs Carl Eugen von Württemberg auf Schloss Hohenheim bei Stuttgart, der sich intensiv sowohl mit dem Ackerbau als auch mit der Viehzucht befasste und heute ein Teil der technischen Universität Stuttgart ist. Begleitet wurden diese Bemühungen durch ein breites landwirtschaftliches Schrifttum von wissenschaftlichem Rang. Kritisiert wurden in diesem Schrifttum auch die Strukturen der Landwirtschaft, insbesondere die zu langen und schmalen Ackerstreifen, die übermäßige Größe von Großgütern sowie die Abhängigkeit der arbeitenden Bevölkerung von den Grundeigentümern. Es kann aber wohl davon ausgegangen werden, dass diese Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft der erste Schritt zu der zunehmenden Intensivierung bis hin zur heutigen Massentierhaltung und Ertragssteigerung war.

Da auch die ökologische Landwirtschaft Bemühungen zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Verhältnisse im 18. Jahrhundert nicht in Frage stellt, muss sie auch zugestehen, dass ihre berechtigte Kritik an Erscheinungen der industriellen Landwirtschaft keineswegs ein uneingeschränktes Zurück sein kann, sondern nur eine Verhinderung von Erscheinungsformen, die mit der Erhaltung der Umwelt für den Menschen und dem Tierschutz nicht vereinbar sind.

B. Einfluß von Wissenschaft und Technik


I. Die Intensivierung der Bodenbearbeitung

Die im vorstehenden Kapitel erwähnte Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft bezog sich zunächst, beginnend mit der Mitte des 18. Jahrhunderts, auf die Bodenbearbeitung. Sie war einerseits durch das Bestreben der Territorialherren nach größeren Einnahmen zur Deckung ihres luxusbedingten Finanzbedarfs im 18. Jahrhundert veranlasst; theoretische und praktische Wege dazu wurden insbesondere in der sogenannten Kameralistik entwickelt und mehr oder weniger erfolgreich durchgesetzt. Anderseits machte die Zunahme der Bevölkerung, insbesondere dann im 19. und 20. Jahrhundert die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion zwingend erforderlich, zumal Einfuhren nur begrenzt möglich waren und nach den politischen Vorstellungen zur Vermeidung von Abhängigkeiten vermieden werden sollten.

Die Einzelheiten dieser Entwicklung zwischen 1750 und 1900 nachzuzeichnen, ist hier nicht genügend Platz. Aus der Sicht der ökologischen Landwirtschaft sind auch nur drei Themen wichtig, nämlich

- die Düngung des Bodens mit stickstoffhaltigen Mitteln,

- die Zufuhr von Mineralstoffen in den Boden und

- die Mechanisierung der Bodenbearbeitung

Dass dem Boden bestimmte Stoffe zugeführt werden müssen, um nachhaltig Erträge erzielen zu können, war schon bald nach Beginn der Agrarwirtschaft bekannt. Das zeigen die im ersten Kapitel erwähnten Gruben, aus denen Mergel gewonnen wurde, der die Fruchtbarkeit des Bodens erhöhen sollte. Dasselbe gilt für die Plaggendüngung, die schon seit Jahrtausenden üblich ist. Ebenso war schon seit Jahrtausenden bekannt, dass sich die Fruchtbarkeit des Bodens durch seine Nutzung erschöpft, so dass immer wieder neue Böden für die Bewirtschaftung gewonnen werden mussten; die Dreifelderwirtschaft, die tatsächlich nur eine Bezeichnung für eine Fruchtfolge mit Brachzeiten unterschiedlichster Art ist, belegte diese Erkenntnis. Es ist jedoch davon auszugehen, dass bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein lediglich empirisch gewonnene Kenntnisse für Änderungen in der Bewirtschaftung maßgebend waren. Die biologischen Daten, insbesondere die Zufuhr und der Verbrauch von pflanzlichen Nährstoffen, wurde erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts sukzessive erkannt und es ist deshalb richtig, die Gewinnung dieser Kenntnisse als Verwissenschaftlichung der Agrartechnik zu bezeichnen.

Auch im Hinblick auf die heutige Situation der ökologischen Landwirtschaft sollte nicht vergessen werden, dass der allmähliche Wandel von der empirischen Feststellung natürlicher Bedingungen für den Pflanzenbau bis hin zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung Mitte des 18. Jahrhunderts dem Zeitgeist der Aufklärung, d.h. der rationellen Erkenntnis natürlicher Abläufe und des menschlichen Sozialverhaltens entsprach. Wer sich heute gegen den wissenschaftlichen Fortschritt, gleich auf welchem Gebiet wendet, sollte bedenken, dass er für die Agrarwirtschaft unbewusst eine Rückkehr in die „dumpfe Welt des Mittelalters“ verlangt!

Die philosophische Schulung der wissenschaftlichen Kreise aus den Ursprüngen unserer mitteleuropäischen Kultur, beginnend mit vorsokratischen Erkenntnissen, über römische Philosophen und die Scholastik bis hin zu den philosophischen Theorien der Aufklärung hatte zur Folge, dass auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Agrarwirtschaft von theoretischen Postulationen ausging, die mit der Praxis noch wenig zu tun hatten. Die ersten bedeutenden Werke zur Bodendüngung und zur Maximierung des Pflanzenertrags konnten deshalb noch keinen nachhaltigen Einfluss auf die Praxis der Agrarwirtschaft haben. Es war empirisch bekannt, dass die klimatischen Verhältnisse entscheidenden Einfluss auf das Pflanzenwachstum haben und ebenso war bekannt, dass bestimmte Stoffe, neben Mergel und Plaggen vor allem der Mist aus der Viehwirtschaft, das Pflanzenwachstum fördert. Die ersten Arbeiten, die realistisch wissenschaftliche Erkenntnisse mit den praktischen Wirkungen verknüpften, waren

- für die notwendige Zufuhr von Mineralstoffen das Werk „Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie“ von Justus Liebig 1840 und

- die Forschungen von Théodore de Boussingaule zur zentralen Bedeutung des Stickstoffs für das Pflanzenwachstum.

Dass auch bei diesen Forschungen vorläufig noch theoretische Besserwisserei die praktische Wirkung der jeweils befürworteten Stoffe überlagerte, zeigt sich an dem jahrzehntelangen Streit zwischen den Vertretern der Düngung mit Mineralstoffen und den „Stickstöfflern“, der erst zwischen 1860 und 1870 überwunden wurde.

Die „Stickstöffler“ hatten bei dieser Auseinandersetzung den Vorteil, dass die Notwendigkeit einer Zufuhr stickstoffhaltiger Substanzen, nämlich Mist, seit Jahrtausenden bekannt war, sodass sie nur diese empirischen Erkenntnisse wissenschaftlich untermauern mussten. Dem gegenüber waren die Erkenntnisse von Liebig und anderen zur Bedeutung der Mineralstoffe durch Erfahrungen praktisch nicht vorgegeben, so dass sie eigentlich wissenschaftlich höher einzuschätzen sind.

Wie dem auch sei, kaum war die Verknüpfung der wissenschaftliche Erkenntnisse mit den praktischen Erfahrungen gelungen, nahm die Verwendung solcher Nährstoffe für die Ertragssteigerung der Böden, zumindest bei gut organisierten landwirtschaftlichen Betrieben, sprunghaft zu. Das betrifft allerdings mehr die Düngung mit stickstoffhaltigen Stoffen und weniger die Mineraldüngung, die sich erst Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr durchsetzte.

Im Hinblick auf unser Thema festzuhalten ist allerdings, dass sich die Agrarwissenschaften im 19. Jahrhundert nicht nur mit der Zufuhr von Mineralstoffen und Stickstoff befasst haben. Der Erkenntnis, dass diese Stoffe für eine kontinuierliche Nutzung der Böden durch Düngung zugeführt werden müssen, waren zahlreiche Theorien vorausgegangen, die sich mit der Fruchtfolge beschäftigten. Bei diesen Arbeiten wurde auch erkannt, dass die Struktur der Böden, Wärme, Wasser und Luft sowie das Bodenleben für den Ertrag der Böden von hoher Bedeutung sind. Dies änderte allerdings nichts daran, dass die Düngung der Böden mit mineralstoff- und stickstoffhaltigen Düngemitteln laufend zunahm, so dass sehr schnell eine industrielle Produktion dieser Düngemittel notwendig wurde. Es lässt sich kaum bestreiten, dass die Verfügbarkeit der Handelsdünger wenig geschulte Landwirte dazu verführen mußte, nach dem Motto „mehr ist besser“ die Düngung immer mehr zu forcieren. Die Folgen sind bekannt.

Zu beachten ist allerdings, dass die Ertragssteigerungen durch Düngung im 19. Jahrhundert und auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar erheblich, aber keineswegs sprunghaft waren. Eine exorbitante Steigerung fand jedenfalls in Deutschland erst mit den 50iger Jahren des 20. Jahrhunderts beginnend statt. Darauf ist bei der Behandlung der Entwicklung der ökologischen Landwirtschaft noch zurück zu kommen. Hier sei vorweg angemerkt, dass erst in diesem Zeitpunkt, beginnend ca. 1950, die Vorstellungen der ökologischen Landwirtschaft sich von Agrarromantik und Weltanschauung immer mehr gelöst haben.

Während die Düngung und deren Bedeutung für das Wachstum der Pflanzen bereits im 19. Jahrhundert erhebliche Bedeutung für die Praxis gewonnen hatten, war die maschinelle Bodenbearbeitung in Deutschland noch nicht allzu weit fortgeschritten. Entwickelt waren zwar schon moderne Formen der Mähmaschine (Grasmähmaschine, Bindemäher), Heuerntemaschinen (Pferderechen und Heuwender), Drillmaschinen und Düngerstreumaschinen sowie Dreschmaschinen. Diese Entwicklung fand jedoch nicht in Deutschland statt, sondern in England, das insgesamt in der Agrartechnik den kontinentalen Staaten um einiges voraus war. Der Grund für die vergleichsweise geringe Verwendung von Agrarmaschinen lag in Deutschland wohl darin, dass noch billige Arbeitskräfte zur Verfügung standen, weil die Industrialisierung bei weitem nicht so fortgeschritten war, wie in England. Erst mit der Nachfrage nach Arbeitskräften in der Industrie und damit einer Verteuerung der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, konnte sich die Anschaffung von Agrargeräten rechnen. Allerdings gilt dies auch nur für Großbetriebe. Für mittlere und kleine Betriebe war ein Ausweg die Bildung von Gemeinschaften und Genossenschaften, teilweise auch die Leihe von Unternehmen, die für solche Zwecke Agrargeräte zur Verfügung stellten.

Da um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert der Motor noch in seinen Anfangsstadien der Entwicklung stand, gab es noch keine Traktoren; die Geräte mussten also, soweit sie zu bewegen waren, durch Gespanne  gezogen werden. Als dann, beginnend in den 20iger und 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts, Traktoren als Zuggeräte in der Landwirtschaft zur Verfügung standen, gewann die mechanische Bodenbearbeitung eine neue Dimension. Allerdings war es schon vorher möglich, durch die neuen Geräte die Tiefe für die Bearbeitung des Bodens erheblich zu erhöhen. Sie betrug bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts allenfalls 20 cm; mit den neuen Geräten konnte der Boden bis zu einer Tiefe von 40 und 50 cm gewendet werden. Für den neutralen Beobachter ist es frappierend, dass diese Technologie von ihren Befürwortern ebenso wie von ihren Gegnerin in der ökologischen Landwirtschaft mit denselben Gründen verteidigt wird, nämlich mit der besseren Auflockerung der Struktur und damit einer Förderung der Kleinlebewelt.

Auch für die mechanische Bodenbearbeitung durch Geräte gilt dasselbe wie für den Umfang der Düngung mit mineral- und stickstoffhaltigen Düngemitteln: Die Beeinflussung der Bodenbeschaffenheit durch solche Geräte entwickelte sich zunächst gemäßigt, bis dann in den 50iger Jahren des 20. Jahrhunderts, vor allem durch immer schwerere und leistungsfähigere Maschinen eine sprunghafte Entwicklung einsetzte.


II.  Unkraut- und Schädlingsbekämpfung durch chemisch-synthetische Mittel

Solange sich der Mensch noch allein von den Erträgen aus Jagen und Sammeln ernährte, gab es für ihn kein Unkraut. Erst als er mit Anpflanzungen zur Nahrungsgewinnung begann, musste er sich mit anderen Pflanzen befassen, die seine Kulturen störten. Die Verbannung solcher Kräuter durch die Wortsilbe „un“ zeigt in der deutschen Sprache deutlich, was der Mensch von diesen natürlichen Wesen hält (und wie er zur Natur steht!). Bei den Schädlingen, also tierischen Lebewesen, ist dies historisch etwas anders; denn sie ärgerten ihn schon vor Beginn der Agrarwirtschaft, weil sie auch das erjagte Fleisch und die eingesammelten Früchte verderben können.

Der Kampf gegen Unkraut beschäftigt mithin den Menschen seit Beginn der Agrarwirtschaft, der Kampf gegen Schädlinge schon sehr viel länger. Es liegt deshalb nahe, dass er schon in vorindustriellen Zeiten Strategien entwickelt hat, um sich des Unkrauts und der Schädlinge zu erwehren.

Allerdings waren diese Strategien bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts im Vergleich mit Pflanzenzucht, Pflanzenanbau und Viehwirtschaft, wohl recht primitiv. Abgesehen von der Entfernung des Unkrauts durch Handarbeit vor oder nach der Ernte scheint die Landwirtschaft nur mit bestimmten Fruchtfolgen den Wuchs von Unkraut gemindert zu haben. Es ist deshalb kein Wunder, dass mit der Entwicklung von chemisch-synthetischen Mitteln zur Unkrautvernichtung auf diese Hilfsmittel begierig zugegriffen wurde, zumal der Landwirt durch die Verwendung von Mitteln zur Unkrautvernichtung auch weitgehend die lästige Handarbeit los wurde.

Ähnlich ist es bei Schädlingen, seien es Kleinstlebewesen einschließlich Mikroben oder Tiere über Schnecken und Maulwürfe bis zu Mäusen und Ratten. Die chemische Keule befreit den Landwirt gleichermaßen von Ertragseinbußen wie von lästiger Arbeit.

Die Entwicklung von Schädlingsbekämpfungsmitteln begann im wesentlichen gleichzeitig mit der Entwicklung von Düngemitteln für die Landwirtschaft, nachdem die Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Unternehmen der chemischen Industrie die Landwirtschaft als Markt für chemisch-synthetische Produkte erkannt hatte. Die Schädlingsbekämpfungsmittel werden meist nach den pflanzlichen oder tierischen Schadorganismen eingeteilt in Akarizide zur Bekämpfung von Milben, insbesondere im Obstbau, Insektizide zur Bekämpfung von Insekten, Molluskizide zur Bekämpfung von Weichtieren wie Ackerschnecken, Nematizide zur Bekämpfung von Nematoden, Rodentizide zurBekämpfung von Nagetieren, insbesondere Mäuse und Ratten, Fungizide zur Bekämpfung von Pilzen und Herbizide zurBekämpfung von Pflanzen, also „Un“kräutern. Verwendet wurden ursprünglich stark toxische Substanzen, die gefährliche Rückstände bilden können. Nachdem dies festgestellt wurde, hat der Gesetz- bzw. Verordnungsgeber die Verwendung solcher Substanzen teilweise verboten, teilweise erheblich eingeschränkt. Inzwischen gibt es umfangreiche Vorschriften, die sich sowohl auf die Verwendung von Schädlingsbekämpfungsmitteln in der Landwirtschaft als auch auf die Begrenzung der Restmengen in Lebensmitteln beziehen. Für zahlreiche Schädlingsbekämpfungsmittel ist vorgeschrieben, dass die Agrarerzeugnisse erst nach einem bestimmten Zeitraum ab der letzten Anwendung geerntet bzw. verarbeitet werden dürfen. Wenn auch unterstellt werden kann, dass diese - zwischenzeitlich durch die EU vorgegebenen - Vorschriften nur nach sorgfältigen wissenschaftlichen Feststellungen zu möglichen toxischen Wirkungen zugelassen sind, kann doch nicht ausgeschlossen werden, dass, z.B. nach längeren Zeiträumen schädliche Wirkungen, u.U. auch in Zusammenwirkung mit anderen Stoffen, eintreten. Für den ökologischen Landbau ist die Verwendung von Schädlingsbekämpfungsmitteln aller Art generell nicht vertretbar, soweit solche Mittel nicht natürlichen, biologischen Vorgängen entsprechen. Bei diesen Vorbehalten geht es jedoch weniger um schädliche Auswirkungen, als um die grundsätzliche Ablehnung chemisch-synthetisch hergestellter Stoffe. Außerhalb der ökologischen Betrachtungsweise lässt sich aber nicht verkennen, dass eine Verwendung von Schädlingsbekämpfungsmitteln nach dem Grundsatz „mehr ist besser“ keineswegs auszuschließen ist.

III. Massentierhaltung und chemisch erzeugte Futtermittel

Das Halten von großen Viehbeständen ist nicht neu. Es wurde schon aufgezeigt, dass für das „freie Germanien“ während der Römerzeit Viehbestände bis 320 Stück festgestellt wurden. Die moderne Massentierhaltung ist jedoch dadurch etwas völlig anderes, dass die Tiere auf engstem Raum gehalten werden und ihre Existenz ausschließlich unter den Anforderungen des Ertrags und der darauf bezogenen Technik fristen. Dies näher darzustellen ist angesichts der Berichte in Zeitungen und im Fernsehen hier sicher nicht notwendig. Das gleiche gilt angesichts der BSE-Krise für die Verwendung synthetisch hergestellter Futtermittel sowie für Futtermittel aus nicht artgerechten Rohstoffen. Anzumerken ist deshalb nur, dass  mit dem Beginn dieser Methoden die ökologische Wirtschaftsweise eine moralische Wertigkeit erhalten hat, die zumindest in diesem Bereich Einwendungen verstummen lassen sollte. 


IV. Ertragssteigerungen durch Wissenschaft und Technik

Eine Steigerung des Ertrags aus Landbau und Viehhaltung war sicher schon seit Beginn der Agrarwirtschaft, in Mitteleuropa also schon seit rund 7000 Jahren, das Ziel dieser Tätigkeit. Die Fortschritte waren jedoch, grob summiert, nur gering; eine gewisse Ausnahme gilt lediglich für die Organisationstechnik der Römer. Das änderte sich erst - nach ersten Teilerfolgen durch die empirischen Erkenntnisse und Theorien der Aufklärung im 18. Jahrhundert - durch die naturwissenschaftlichen Forschungen und deren Umsetzung in die Praxis und Technik der Bodenbearbeitung und Viehhaltung. Deshalb sollen lediglich als Anhaltspunkt aus einer Arbeit zu den Ertragssteigerungen zwischen 1800 und 1950 (Bittermann S. 135 bis 140) einige Zahlen wiedergegeben werden: Danach stieg der Ertrag pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in dem genannten Zeitraum um das 3,75-Fache; die Fleischerzeugung stieg je Rind um das 2,8-Fache, je Schwein um das 3-Fache, die Milcherzeugung je Kuh um das 2-Fache; durch den stark vermehrten Viehbestand ergab sich jedoch, bezogen auf einen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche; eine Steigerung der Fleischerzeugnisse um das 10-Fache und der Milcherzeugung um das 6,7-Fache.


C. Kritik und neue Gedanken


I.  Weltanschauliche Überlegungen

Wie alle sozialen Verhaltensformen des Menschen ist auch der ökologische Landbau in den Fluss der Geschichte eingebunden. Er ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen oder aus der Erde gewachsen, sondern die Fortsetzung von Überlegungen und Verhaltensweisen des Menschen.

Dabei ist für den ökologischen Landbau von Bedeutung, dass er in seinen Ursprüngen stark von weltanschaulichen Überlegungen zu einer „Lebensreform“ beeinflusst war; mehr noch: Das Landleben und die bäuerliche Wirtschaftsweise war eines der zentralen Themen der lebensreformerischen Gedanken, deren Umsetzung in die Praxis zum Anfang des 20. Jahrhunderts gesucht wurde.

Diese Bewegung war vorgezeichnet durch agrarromantische Gedanken, die an die Reinheit der Natur und die Tüchtigkeit, Treue und Einfalt des Bauern anknüpfte (es ist nicht zufällig, dass unter diesem Vorzeichen auch im Dritten Reich ökologischer Landbau unter dem Slogan „Blut und Boden“ Befürworter hatte). Die Einfachheit des Landlebens als Beispiel für moralische Werte ist uralt und kann z.B. schon in römischen Schriften belegt werden. Als Verfechter solcher Vorstellungen in Deutschland sei hier nur Ernst Moritz Arndt genannt, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit höchstem Pathos formulierte:

Der Umgang mit der Natur erhält das äußere und innere Urbild des echten alten Menschenstammes, die ewigen Gefühle und Ahndungen, die unvergänglichen Triebe und Kräfte, welche den Urnaturen innewohnten, als sie aus dem Garten Eden über die Länder zerstreut wurden.

Es ist nur eine weniger pathetische - und politische - Formulierung, wenn in einer Schrift „Der natürliche Landbau als Grundlage des natürlichen Lebens“ 1925 von Rudolph dargelegt wird, dass

Landleben nicht nur die Bebauung der Erde bedeute, „sondern eine Lebensform, die vollkommen ist, die eine harmonische Entwicklung unseres ganzen Seins erlaubt, also ebenso im Geistigen, wie im Seelischen, wie im Körperlichen“.

Ein Beispiel für die Konkretisierung dieser Gedanken und deren Umsetzung in die Praxis ist die von Heinrich 1919 in der Schrift „Unabhängigkeit durch Landwirtschaft“ beschriebene „Fruchthainwirtschaft“, die

ein Hain von kleinen Bäumen, welcher für die Selbstversorgung einer kleinen Familie gewiss genügt, umfassen sollte: „10 Nussbäume, 10 Edelkastanien, 10 Apfelbäume, 5 Zwetschkenbäume, 5 Haselnusssträucher, die auch als alte Bäume gezogen werden können, 5 alte Buchen, weil sie ja erst nach Jahrzehnten reichlich Buchecker abwerfen, am Rande, freistehend“.

Dass sich mit solchen Vorstellungen auch die vegetarische Ernährung leicht verbinden lässt, liegt auf der Hand. Zu den lebensreformerischen Bewegungen gehörten deshalb auch Kreise, die eine viehlose Landbewirtschaftung anstrebte.

Ob diese lebensreformerischen Vorstellungen schon als Beginn der ökologischen Landbewirtschaftung im heutigen Sinne verstanden werden können (so Vogt), mag dahinstehen. Dass die von „Lebensreform“-Bewegungen entwickelten Gedanken und deren praktische Umsetzung erheblichen Einfluss auf die ökologische Wirtschaftsweise hatten, dürfte nicht bestreitbar sein. Dies gilt bei den praktischen Umsetzungen vor allem auch für die negativen Erfahrungen, die teilweise bei der weiteren Entwicklung des ökologischen Landbaus berücksichtigt werden konnten.

Die weltanschauliche Begründung der „natürlichen“ Wirtschaftsweise erhielt in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts neue Impulse aus der von Rudolph Steiner begründeten Anthroposophie. Die grundlegenden Werke von Steiner für diese Weltanschauung sind die Schriften „Theosophie - Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung“ aus dem Jahre 1904 und „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ aus dem Jahre 1910. Auf die landwirtschaftliche Praxis übertragen wurde diese Gedanken erst 1924 in einem „Landwirtschaftlichen Kursus“, der aus acht Vorträgen bestand. Die in diesem Kursus entwickelten Gedanken wurden in eine Erprobungsphase übernommen, die schließlich zu einem in sich geschlossenen System der landwirtschaftlichen Tätigkeit geführt hat. Im Unterschied zu den Gedanken und Bewegungen der Lebensreform hat die Anthroposophie für die ökologische Landwirtschaft maßgebende Bedeutung gewonnen, da sie, wenn auch in angepasster Praxis,  Grundlage der heute im Demeter-Bund zusammengefassten landwirtschaftlichen und verarbeitenden Betriebe ist. Es ist hier nicht der Platz, die Bedeutung der Anthroposophie und ihre Verwirklichung durch den Demeter-Bund und den dort vereinigten Unternehmen näher darzustellen. Das ist auch nicht notwendig, weil der Demeter-Bund im Rahmen dieses Werkes eine Eigendarstellung gibt, auf die hier zu verweisen ist.

Erforderlich ist hier aber eine zusammengefasste Darstellung der Kritik und Alternativen, die in den Kreisen der Lebensreform und der Anthroposophie zur Landwirtschaft geäußert und entwickelt wurden:

Eine der maßgebenden Gesichtspunkte der Kritik waren die Bedenken gegen eine „Industrialisierung der Landwirtschaft“. Sie bezog sich auf

- die Verwendung von mineralstoffhaltigen und stickstoffhaltigen Düngemitteln sowie

- die Mechanisierung der Bodenbearbeitung

In einem etwas späteren Stadium kam

- die Verwendung von Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungsmitteln

hinzu.

Die Bedeutung der Mineralstoffdüngung für den Boden ist, wie schon in Kapitel B ausgeführt, im wesentlichen von Liebig erarbeitet und publiziert worden. Liebig befaßte sich mit dem Bedarf an Mineralstoffen und stellte fest, dass die Mineralstoffe von den angebauten Pflanzen aufgenommen und durch Verwertung der geernteten Pflanzen außerhalb des landwirtschaftlichen Betriebs dem Boden verloren gehen. Daran anschließend wurde bald erkannt, dass der Gehalt an Mineralstoffen im Boden und damit die Fruchtbarkeit des Bodens durch gezielte Mineralstoffdüngung erhöht werden kann. Das Verhältnis zwischen Mineralstoffen und den übrigen Bodenbestandteilen wurde mithin gegenüber dem ursprünglichen Zustand nachhaltig verändert. Die Kritik der reformerischen Bewegungen sah darin eine Störung des Mineralstoffhaushaltes und leitete davon nicht nur eine Versauerung der Böden ab, sondern auch nachteilige Einflüsse auf das Wurzelwachstum und die übrige Bodenstruktur sowie eine allgemeine Bodenmüdigkeit und unausgeglichene Nährstoffverhältnisse trotz ausreichender Nährstoffgehalte. Die Forderungen der Reformbewegungen war dementsprechend, auf eine höhere Zufuhr von Mineralstoffen als durch die Ernte entnommen zu verzichten und den Verlust durch die geernteten Pflanzen auf „natürliche“ Weise, insbesondere durch Düngung mit Mist und anderen mineralstoffhaltigen „natürlichen“ Substanzen vorzunehmen. Es wurden dabei Kreisläufe verschiedenster Art erörtert. Sie gipfelten bis zu der Forderung der sogenannten „Siedlungsbewegung“, dass jeder bäuerliche Betrieb einen in sich geschlossenen Kreis der Selbstversorgung bilden müsse, so dass eine Verlust von Mineralstoffen - und anderen durch Pflanzen aufgenommenen Stoffen - nicht möglich ist.

Eine gleichartige Kritik richtete sich gegen die Verwendung von stickstoffhaltigen Düngemitteln. Stickstoff ist ein für das Pflanzenwachstum essentieller Stoff, der gleichfalls teilweise aus dem Boden von den Pflanzen aufgenommen wird. Im Unterschied zu den Mineralstoffen ist der Verlust durch Abgabe der geernteten Pflanzen in die Lebensmittelherstellung nicht so hoch. Eine über den Verlust hinausgehende Steigerung der Stickstoffzufuhr kann jedoch die Ernteerträge ganz erheblich steigern, so dass die nicht reformerische Landwirtschaft die Stickstoffdüngung extensiv einsetzte. Die Ablehnung dieser Praxis durch die Reformbewegungen war ebenso wie bei der Mineralstoffdüngung mit der Vorstellung eines Kreislaufes innerhalb des Betriebs verbunden.

Die von den Agrarwissenschaften befürwortete Zufuhr von Mineralstoffen und stickstoffhaltigen Düngemitteln berücksichtigte zumindest zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht ausreichend, dass die Fruchtbarkeit eines Bodens keineswegs nur von Mineralstoffen und stickstoffhaltigen Substanzen abhängt. Die reformerischen Kreise erkannten demgegenüber vor allem die Bedeutung der Humuswirtschaft, der Krümelung des Bodens und der in dem Boden enthaltenen pflanzlichen und tierischen Organismen. Da diese der Sache nach richtigen Überlegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht wissenschaftlich untermauert werden konnten, hatten es die Agrarwissenschaften leicht, die reformerischen Ansätze in den Bereich der Ideologie zu verweisen (aus der sie ja auch kamen). Erst der Umstand, dass der Ertrag auf Böden mit hoher Mineral- und Stickstoffzufuhr zurückging, nötigte auch die Agrarwissenschaften, sich mit den Bodenverhältnissen umfassender zu beschäftigen.

Erhebliche Kritik durch die reformerischen Bewegungen erfuhr die konventionelle Bodenbewirtschaftung bei der mechanischen Bearbeitung des Bodens, insbesondere das sehr viel tiefere Bodenwenden, die Bodenbearbeitung bei nassen Böden und die dadurch sowie durch die verwendeten Maschinen bewirkten Bodenverdichtungen. Es wurde auch damit argumentiert, dass durch die Tiefe beim Bodenwenden in den unteren Schichten vorhandene pflanzliche und tierische Strukturen zerstört und die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens vermindert werde. Deshalb wurde ein Verzicht auf tiefgehende Pflüge propagiert, vereinzelt bis zu einer Rückkehr zu den Kratzhaken der Jungsteinzeit.

Die Kritik der reformerischen Bewegungen an der Verwendung von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln setzte später ein, weil solche Mittel von der Industrie erst nach 1920 entwickelt wurden. Ebenso wie bei Mineralstoffen und Stickstoffen gilt auch bei Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungsmitteln für den Bauern, der nicht weiter nachdenkt, der schon mehrfach bemühte Leitsatz „mehr ist besser“. Die Tatsache, dass „Un“-kraut und Schädlinge den Menschen schon seit Beginn der Agrarwirtschaft ärgern, ist allerdings auch für die ökologische Landwirtschaft nicht wegzudiskutieren.

Im Vorgriff auf eine spätere Entwicklung ist hier schließlich die Kritik der ökologischen Landwirtschaft an einer Massentierhaltung festzuhalten. Sie wird, und das ist nach Auffassung der Verfasser eine der überzeugendsten Gesichtspunkte ökologischer Landwirtschaft, mit dem Respekt des Menschen vor anderen Lebewesen begründet. Ob auch der Begriff der „artgerechten Tierhaltung“ eine gute Begründung für die Kritik ist, soll hier mit einem Fragezeichen versehen werden; denn im Hinblick auf die Möglichkeiten der Änderung einer Art durch Züchtung und die Anpassungsfähigkeit der Art an veränderte Umstände erscheint das Abstellen auf ein „artgerechtes Verhalten“ zu statisch und damit ohne eindeutigen Inhalt.

Ebenfalls im Vorgriff auf spätere Entwicklungen ist hier schließlich die Kritik an einer nachteiligen Beeinflussung der Umwelt zu nennen. Dieser Gesichtspunkt wurde zwar schon in den Anfängen der reformerischen Bewegungen vorgebracht, blieb aber zunächst mehr agrarromantischen Vorstellungen verhaftet. Erst die in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts einsetzende Veränderung der Umwelt und die radikale Zunahme dieser Veränderungen in den letzten zehn bis zwanzig Jahren gibt dieser Kritik deutlich Nachdruck. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass neben dem Tierschutz auch der Schutz der Umwelt ein tragender Pfeiler der ökologischen Landwirtschaft ist.

Für die Ablösung der kritisierten Entwicklungen bei der Bodenbearbeitung und auch bei der Tierhaltung war - und ist - für die meisten reformerischen Bewegungen das Bild des Organismus maßgebend. Das gilt in erster Linie - jedoch nicht nur - für die anthroposophisch beeinflussten Konzepte. Es wird als entscheidend angesehen, bestehende Organismen in ihrer Funktion zu erhalten und daran wird die Vorstellung geknüpft, dass aus intakten Organismen gewonnene Agrarerzeugnisse und Lebensmittel „natürlich“ und damit gut sind. Unter Organismen werden dabei nicht nur die einzelnen Pflanzen und Tiere verstanden, sondern auch eine Gesamtheit, insbesondere der Ackerboden (Struktur, Wurzelsysteme und andere pflanzliche Systeme, Mikroorganismen und Kleintierwelt), darüber hinaus aber auch soziale Erscheinungen, gleichermaßen in der Tierwelt wie auch bei Menschen bis hin zu Wirtschaftseinheiten, insbesondere Bauernhöfen. Es darf sicher vermutet werden, dass in diesen Vorstellungen immer noch Gedanken der Agrarromantik nachwirken, womöglich sogar noch prägend sind. Andererseits lässt sich allerdings kaum verkennen, dass die Vorgänge in einem ökologischen System, sei es der Ackerboden oder das Verhalten der Tiere in einem Hühnerstall, Einfluss auf die mit Hilfe dieser Systeme gewonnenen Agrarerzeugnisse hat, wobei allerdings die Vorstellung in sich geschlossener und damit unabhängiger Systeme doch zu einfach ist.


II.  Praktische Umsetzungen der weltanschaulichen Ansätze

Darzustellen sind hier zunächst Maßnahmen der Bodenbearbeitung, die aus den Lebensreform-Kreisen  bis hin zu den als Natürlicher Landbau bezeichneten Gruppierungen vorgeschlagen und auch verwirklicht wurden. Zu beachten ist allerdings, dass diese Vorschläge und Maßnahmen von sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen ausgingen und durch die Veröffentlichung praktischer und theoretischer Entwicklungen einzelner Fachleute geprägt waren. Trotzdem lassen sich einige grundlegende Richtlinien erkennen, die - fortentwickelt - auch jetzt noch maßgebend sind. Sie mussten zwangsläufig an die kritischen Gesichtspunkten anknüpfen, die der traditionellen und mit synthetischen Stoffen sowie neuer Technik arbeitenden Landbaupraxis entgegen gehalten wurden.

Zu beginnen ist mit der Bodendüngung unter Verwendung von stickstoffhaltigen Düngemitteln. Sicher zurückgreifend auf Erfahrungen und Methoden vor Beginn der chemisch-synthetischen  Düngung wurde wieder auf die Düngung mit Stallmist zurück gegriffen, wobei spezielle Verfahren zur Aufbereitung von Mist entwickelt wurden. Hinzuweisen ist auf eine „Edelmistbereitung“, die durch eine Erhitzung und spezielle Verrottung gekennzeichnet war und dadurch eine höhere Zufuhr von Stickstoff ermöglichte. Auch im übrigen wurden Methoden der Verrottung entwickelt, um die Zufuhr synthetisch erzeugter stickstoffhaltiger Stoffe zu vermeiden. Lediglich kurz zu erwähnen ist, dass die Möglichkeit der Verwendung von Mist lebensreformerischen Kreisen, die eine viehlose Landwirtschaft propagierten, selbstverständlich nicht zur Verfügung stand; für diese Praxis verblieb im wesentlichen nur der Anbau von Leguminosen, um den Böden Stickstoff zuzuführen.

Anstelle der Düngung mit chemisch-synthetisch  erzeugten Mineralstoffen, dem zweiten Kritikpunkt, wurde - gleichfalls - der Anbau von Leguminosen empfohlen und praktiziert, außerdem die Düngung mit Gesteinsmehl. Zurückgegriffen wurde auch wieder auf Erfahrungen mit der Fruchtfolge.

Von besonderer Bedeutung war allerdings die Propagierung verschiedener Kompostierungsverfahren, also die Verrottung organischer Abfälle sowohl aus dem Haushalt als auch aus der landwirtschaftlichen Tätigkeit und die Verwendung von so gebildetem Kompost zur Düngung der Felder. Vor allem in dieser Praxis verwirklichten sich die theoretischen (bis weltanschaulichen) Vorstellungen von einer Kreislaufführung innerhalb einer organischen Struktur.

Gegenüber dem traditionellen Landbau neu war, wie schon ausgeführt, die Berücksichtigung der Bodenlebewelt als Einflussfaktor für den Pflanzenwuchs. Angeknüpft wurde dabei an Erkenntnisse der landwirtschaftlichen Bakteriologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In der Praxis ging es vor allem darum, durch die Zufuhr natürlicher Düngemittel die Bodenlebewelt zu erhalten oder sogar durch die Zufuhr von Bodenlebewesen zu verstärken.

Das führte über zu der Forderung, auf eine wendende Bodenbearbeitung, insbesondere den Einsatz von tiefgehenden Pflügen, zu verzichten. Stattdessen wurde die Verwendung von wühlenden oder kratzenden Geräten empfohlen und auch praktiziert, um insbesondere die Bodenschichtung und damit auch die in dem Boden vorhandene Kleinlebe- und Pflanzenwelt zu erhalten. Dabei wurde von den ökologischen Kreisen - im Gegensatz zu weiten Kreisen der traditionellen Agrarwissenschaften - die Wechselwirkung zwischen Bodenstruktur einschließlich Bodenlebewelt und Pflanzenwachstum betont.

Es lässt sich leicht nachvollziehen, dass die Anfänge der ökologisch orientierten Vorstellungen zum Landbau in einem krassen Gegensatz zu den Erkenntnissen der Agrarwissenschaften  standen; denn die Düngung des Bodens mit chemisch-synthetisch hergestellten Mineralstoffen und Stickstoff, die von den Reformbewegungen abgelehnt wurde, war das Ergebnis agrarwissenschaftlicher Forschungen. Umgekehrt konnten die oft schwärmerischen bis ins irreale  und okkulte gehenden Konzepte und Vorstellungen der Reformbewegungen bei den wissenschaftlich arbeitenden Fachleuten kaum Verständnis finden. Auf den Gegensatz zwischen ökologisch orientierten Reformkreisen und den „Agrarwissenschaften“ wurde deshalb schon öfters hingewiesen. Diese Gegensätze wären vielleicht schon vergleichsweise bald überbrückt worden, wenn die Reformer durch höhere Erträge oder eigene naturwissenschaftliche Forschungen  die naturwissenschaftliche Seite beeindruckt hätten. Das war jedoch lange Zeit nicht der Fall. Auch heute ist der Ertrag in der ökologischen Landbauweise kein Argument, mit dem eine Überlegenheit gegenüber der mit chemisch-synthetisch hergestellten Stoffen arbeitenden Landwirtschaft begründet werden könnte. Es konnte dagegen nicht ausbleiben, dass die theoretischen und praktischen Überlegungen zur Bodenstruktur einschließlich der tierischen und pflanzlichen Strukturen des Ackerbodens naturwissenschaftliche Forschungen veranlassten. Entsprechende Forschungsvorhaben, die schon vor dem zweiten Weltkrieg begannen und danach fortgesetzt wurden, bezogen sich insbesondere auf den Humushaushalt, die Krümelstruktur des Bodens sowie die Bedeutung der Bodenlebewelt und der Wurzeln für die Bodenfruchtbarkeit.

Parallel dazu wurden vor allem nach dem zweiten Weltkrieg auch in der landwirtschaftlichen Praxis Konzepte für eine ökologische Bodenbewirtschaftung und Viehhaltung unabhängig von der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise der Anthroposophie entwickelt. Damit knüpften sowohl die praktischen als auch die theoretischen Arbeiten an die Praxis und Erkenntnisse ökologischer Landwirtschaft aus der vorangegangenen Zeit, insbesondere an den Natürlichen Landbau an.

Beeinflusst waren diese Konzepte vor allem von der enormen Zunahme der Düngung mit chemisch-synthetisch hergestellten Düngemitteln nach dem zweiten Weltkrieg und den dagegen erhobenen Bedenken, die sowohl mit Umweltgesichtspunkten  als auch nunmehr verstärkt mit einer Beeinträchtigung der Nahrungsmittelqualität begründet wurden. Besondere Bedeutung gewannen in diesem Zusammenhang auch die chemisch-synthetisch hergestellten Pflanzenschutzmittel, deren Verwendung ebenfalls enorm zunahm und deren Rückstände in der Umwelt kaum noch beherrschbar waren und sind.

In der Praxis des ökologischen Landbaus führte dieser Gesichtspunkt insbesondere zu einer starken Betonung des Verzichts auf Pestizide.

Außerdem wurde die Bedeutung der Bodenkrümelung jetzt stärker betont, als die Bedeutung der Bodenlebewesen.

Weiterhin wurde anstelle der vererdenden Kompostierung von Stalldünger auch eine Flächenkompostierung mit nicht oder nur kurzfristig gerottetem organischem Dünger propagiert.

Unter dem Einfluss dieser neuen, nicht organisierten aber unter der Bezeichnung „biologischer Landbau“ zusammenzufassender Konzepte kam es auch zu Neugestaltungen in der kommunalen Abfallwirtschaft. Es wurden in Kompostwerken organische Abfälle zu Müllkompost verrottet und damit ein Verzicht auf chemisch-synthetisch hergestellten Mineraldünger erleichtert.

Die Probleme mit chemisch-synthetisch hergestellten Pflanzenschutzmitteln führte zu der - in der Praxis dann auch verwirklichten - Forderung, durch Wiederherstellung von Feldrainen, Hecken und Unkrautflora die Lebensbedingungen von Lebewesen zu verbessern, die den Schädlingsbefall verhindern oder mindern. Anstelle chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel wurden Mittel der biologischen Schädlingsbekämpfung entwickelt und zunehmend praktiziert.

Vorgeschlagen wurde auch eine stärkere Beachtung der Bodenbedeckung zum Schutz der Bodenlebewesen, insbesondere vor Austrocknung. Ebenfalls zur Förderung der Bodenlebewesen, aber auch der Kulturpflanzen wurde Wert auf die Gründüngung gelegt.


III. Organisationen des ökologischen Landbaus

Weder die ursprünglichen Bewegungen der Lebensreform noch die nachfolgenden Kreise, die als Natürlicher Landbau bezeichnet werden, haben zu einer für einige Zeit dauerhaften und festen Organisationsform gefunden. Die Vorstellungen und praktischen Erfahren wurden meist in Zeitschriften veröffentlicht, die von engagierten Persönlichkeiten herausgegeben wurden. Zu erwähnen ist hierbei insbesondere die Zeitschrift „Bebauet die Erde“, die von 1925 bis 1943 und nochmals 1950 bis 1958 erschien; sie war das wichtigste Organ für die Veröffentlichung theoretisch entwickelter und in der Praxis gewonnener Erkenntnisse sowie das Forum für die Diskussion dieser Veröffentlichungen.

Ein lose organisierter Zusammenschluss der aus den Lebensreform-Bewegungen hervorgegangenen Gruppierungen war lediglich die Arbeitsgemeinschaft der Förderer des natürlichen Land- und Gartenbaus, die 1927/28 gegründet wurde. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang allerdings auch die Handelsform der Reformhäuser, die gleichfalls aus den Reform-Bewegungen hervorgegangen sind und nach deren Gedankengut erzeugte Lebensmittel - und andere Waren - seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in kaum veränderter Weise bis heute anbieten.

Obgleich auf einer ganz speziellen weltanschaulichen Grundlage, nämlich der Anthroposophie entwickelt, unterschieden sich die praktischen Richtlinien der seit 1924 so bezeichneten „Biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise“ von den Richtlinien der Landreform-Bewegungen und des Natürlichen Landbaus nur in denjenigen Punkten, die für das anthroposophische Weltbild maßgebend waren. Die von Steiner begründete Anthroposophie ging davon aus, dass der Mensch ebenso wie das gesamte Naturgeschehen von sogenannten Äther- und Astralkräften beeinflusst ist, von denen die gesamte Lebensgestaltung einschließlich der sozialen Verhältnisse und in einem persönlichen Verhältnis zum Naturgeschehen auch die landwirtschaftliche Tätigkeit beeinflusst wird.

In der Praxis wurden, wenn auch erst im Laufe der Jahre nach dem „Landwirtschaftlichen Kursus“ insbesondere eine spezielle Form der vererdenden Kompostierung entwickelt. Charakteristisch für diese Grundlage der Düngung war - und ist - ein bestimmtes Lagerungsverfahren sowie die Einbeziehung der unterschiedlichen Abfälle bis zu Erdaushub und organischen Fabrikabfällen.

Um entsprechend dem Organismus-Bild der Anthroposophie den selbstversorgenden Stoff-Kreislauf innerhalb des landwirtschaftlichen Betriebs zu ermöglichen, wurde andererseits eine Einschränkung des Anbaus von Kulturen mit hohen Nährstoffansprüchen empfohlen.

Demselben Gedanken entspricht es, dass die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise eine höhere Tierhaltung und dabei die Haltung mehrerer Tierarten für notwendig hält.

Ergänzt wurden diese Maßnahmen durch die Verwendung sogenannter Feldpräparate und Kompostpräparate. Dabei handelt es sich um Substanzen, die aus Korn (Feldpräparat) und aus Blütenständen von Schafgarbe und Kamille, Brennnesselpflanzen, Eichenrinde sowie Blütenständen von Löwenzahn und Baldrian (Kompostpräparate) gewonnen werden.

Obgleich die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise als unmittelbare Anwendung der anthroposophischen Weltanschauung ein in sich geschlossenes Konzept darstellt, unterlag auch diese Form der landwirtschaftlichen Tätigkeit einer fortlaufenden Entwicklung, sei es durch äußere Einflüsse wie wissenschaftliche Erkenntnisse oder andere Konzepte des ökologischen Landbaus oder sei es durch interne Weiterentwicklungen, vor allem in der Praxis. Hier ist nicht der Platz, diese Entwicklung aufzuzeigen. Zu verweisen ist vielmehr auf die Selbstdarstellung des gegenwärtigen Standes, die in Anhang II abgedruckt ist.

Neben dem Natürlichen Landbau und der anthroposophisch  begründeten biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise ist als dritter Eckpfeiler der ökologisch arbeitenden Landwirtschaft der Organisch-biologische Landbau darzustellen. Ausgangspunkt dieser Richtung war ursprünglich eine schweizerische Bauern-Heimatbewegung, die unter Betonung des christlichen Glaubensverständnisses die bäuerliche Lebenswelt in einen neuen Zusammenhang stellen wollte. Wesentlichen Einfluss auf Theorie und Praxis hatten in der Entstehungszeit dieser Form der ökologischen Wirtschaftsweise zwei Personen, nämlich Hans Müller und Hans Peter Rusch, so dass der organisch-biologische Landbau vielfach auch mit dem Zusatz „Methode Müller-Rusch“ bezeichnet wird. Während die bereits vor dem 2. Weltkrieg gegründete schweizerische Bauern-Heimatbewegung naturgemäß auf das Gebiet der Schweiz beschränkt war, gewann diese Konzeption ab ca. 1950 auch in Deutschland zunehmend Bedeutung. Dabei spielte wohl eine Rolle, dass die anthroposophische Grundlage der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise für den weit überwiegenden Teil der landwirtschaftlichen Bevölkerung, insbesondere bei praktiziertem christlichem Glaubensverständnis, nicht akzeptabel und auch nicht überzeugend war, so dass die Bildung einer eigenen Konzeption und dann auch einer eigenen Organisation fast zwangsläufig war. Inhaltlich knüpfte - bis auf die anthroposophische Grundlage - der organisch-biologische Landbau ebenso wie die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise an die Landreform-Bewegungen und damit auch an den Natürlichen Landbau an. Im Unterschied zu den Reform-Bewegungen ging und geht es dem organisch-biologischen Landbau jedoch nicht darum, frühere Zustände der bäuerlichen Wirtschaftsweise zum Maßstab zu machen oder gar wieder herzustellen; Ziel ist es vielmehr, unter Berücksichtigung betriebswirtschaftlicher Notwendigkeiten die Bodenfruchtbarkeit, die Tiergesundheit und eine hohe Nahrungsmittelqualität, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Gesundheit zu gewährleisten. Maßstab ist deshalb ebenso wie im natürlichen Landbau auch im organisch-biologischen Landbau ein wissenschaftlich-biologisches Verständnis der Bodenfruchtbarkeit, eine schonende Bodenbearbeitung durch Verzicht auf tiefwendende Pflüge, Gründüngung und Bodenbedeckung und die Verwendung von Gesteinsmehl sowie Humuswirtschaft und Fruchtfolgegestaltung zur Düngung der Böden. Nicht gefolgt wurde dem natürlichen Landbau, soweit dieser einen Verzicht auf Tierhaltung propagiert hatte.

Bei seiner Weiterentwicklung entfernte sich der organisch-biologische Landbau auch weiter von Prinzipien des natürlichen Landbaus. Dies betrifft insbesondere die Verschiebung von theoretischen Schwerpunkten bei der Bodenfruchtbarkeit und Humuswirtschaft, Kriterien für die Bewertung  der Nahrungsmittelqualität und agrarpolitische Zielsetzungen, die ja im natürlichen Landbau noch stark agrarromantischen Vorstellungen verhaftet waren. Hinzukamen Konzepte für einen vorbeugenden Pflanzenschutz durch standortgemäße Sortenwahl und Düngung, die Verbesserung der Lebensbedingungen für Nützlinge durch Feldraine, Hecken und Unkrautflora sowie die biologische Schädlingsbekämpfung. Organisatorisch zusammengefasst wurde der organisch-biologische Landbau erst 1987 als Bioland-Verband für organisch-biologischen Landbau e.V.

Abzuschließen ist die kurze Darstellung der Organisationen des ökologischen Landbaus mit dem Vermerk, dass der 1988 vollzogene Zusammenschluss der meisten Verbände der ökologischen Wirtschaftsweise  in der ArbeitsGemeinschaft  ökologischer Landbau (AGÖL) durch den Anfang 2001 erklärten Austritt des Demeter-Bundes und des Bioland e.V. gesprengt wurde und damit das schon für den Verbraucher verwirrende Bild des Angebots von ökologisch erzeugten Lebensmitteln noch mehr erschwert ist. Einheitliche Basis für Hinweise auf den ökologischen Landbau ist deshalb derzeit nur die EU-Verordnung über den ökologischen Landbau (die in Teil 2 dieses Werkes erläutert wird). Das ist bedauerlich, weil die Anforderungen nach dieser Verordnung nicht nur im Verhältnis der verschiedenen Anbauverbände, sondern auch unter Berücksichtigung der agrarpolitischen Vorstellungen aller EU-Länder, des Importhandels und des innergemeinschaftlichen Lebensmittelhandels der kleinste gemeinsame Nenner sind.


D. Qualität der Lebensmittel

Leser dieser Veröffentlichung, die sich als Verbraucher für den ökologischen Landbau interessieren, sind vielleicht etwas erstaunt, dass bislang die Qualität der Lebensmittel nicht behandelt wurde, obgleich es bei der landwirtschaftlichen Tätigkeit ja eigentlich um die Herstellung der Lebensmittel geht. Es ist jedoch zu beachten, dass die ökologisch orientierten Konzepte

- durch die Bemühungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts um eine nachhaltige Ertragssteigerung

ausgelöst wurden und dass dabei - neben der notwendigen Versorgung einer ständig zunehmenden Bevölkerung - vor allem das wirtschaftliche Interesse der Landwirtschaft maßgebend war. Zwar umfassten die weltanschaulichen, agrarromantischen und religionsähnlichen Vorstellungen, aus denen sich die heutige ökologische Landwirtschaft entwickelt hat, auch die Ernährung. In der Auseinandersetzung mit der konventionellen und mit chemisch-synthetischen Stoffen arbeitenden Landwirtschaft standen jedoch - sowohl in der theoretischen Begründung als auch in der praktischen Verwirklichung dieser Konzepte -

- die Bodenkultur,

- die Umweltbeeinflussung und

- vor allem nach dem zweiten Weltkrieg die Tierhaltung

im Vordergrund.

Trotzdem war selbstverständlich die Qualität der Lebensmittel eine Aufgabenstellung, die auch für die ökologisch orientierten Konzepte von erheblicher Bedeutung war.

In einem weiteren Sinne stand das Lebensmittel als Zweck der landwirtschaftlichen Tätigkeit sogar den Zielsetzungen der landwirtschaftlichen Tätigkeit gleichrangig zur Seite. Denn die Gedanken der Lebensreform forderten nicht nur eine natürliche oder naturgemäße Erzeugung, sondern auch eine entsprechende Ernährung, wobei vor allem die vegetarische Ernährung im Vordergrund stand. Allerdings ging es dabei weniger um eine wissenschaftlich abgesicherte Qualität der Lebensmittel, sondern um die Verwirklichung abstrakter Vorstellungen bis hin zur Postulierung  einer „natürlichen Urnahrung“. Trotz der abstrakten Ausgangspunkte wurden ganz konkrete Verzehrsempfehlungen entwickelt. Empfohlen wurden insbesondere möglichst unbehandelte, „naturbelassene“ Lebensmittel, also Obst und Gemüse sowie Rohkost aus Obst, Gemüse, Beeren und Nüssen. Auch heute noch von erheblicher Bedeutung ist das Müsli und das Vollkornbrot sowie als Gesamtkonzept die Vollwertkost.

Der Zusammenhang zwischen der Bodenbearbeitung, insbesondere der Düngung mit chemisch-synthetischen Düngemitteln und der Nahrungsqualität war allerdings auch schon Gegenstand von Erörterungen in den ursprünglichen Landreform-Bewegungen. Es wurde, wenn auch vorwiegend spekulativ, die Ansicht vertreten, dass die Beschaffenheit der Lebensmittel durch die Art der Düngung negativ beeinflusst werde. Auch wurde, zunehmend wissenschaftlich besser begründet, darauf hingewiesen, dass durch die Düngung die Haltbarkeit der Lebensmittel verringert, der Geschmack beeinträchtigt und durch Rückstände von Schwermetallen und Pestiziden Gesundheitsschädigungen ausgelöst werden. Nachdem in den dreißiger Jahren die traditionelle Agrarwissenschaft in Versuchen keine Unterschiede zwischen Lebensmitteln aus Betrieben mit chemisch-synthetischer Düngung einerseits und Betrieben ohne eine solche Düngung andererseits feststellen konnte (oder wollte), ergaben wissenschaftlich angelegte Versuche in den nachfolgenden Jahren doch unterschiedliche Ergebnisse. Mit dem Begriff der biologischen Wertigkeit von Nahrungsmitteln wurde ein neuartiges Kriterium für die Beurteilung der Qualität von Lebensmitteln entwickelt, das unter der Bezeichnung Nährstoffdichte auch heute noch maßgebend ist.

Dass die Qualität der Lebensmittel in der alle Lebensbereiche umfassenden Vorstellungswelt der Anthroposophie eine zentrale Bedeutung gewann, bedarf keiner näheren Begründung. Es wurde davon ausgegangen, dass nach der biologisch - dynamischen Wirtschaftsweise hergestellte Lebensmittel einen besseren Geschmack aufweisen, geringere Lagerungsverluste haben und besser verarbeitet werden können. Ob dies durch wissenschaftlich anerkannte Kriterien nachweisbar ist, kann hier nicht weiter verfolgt werden. Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass  die Wirkungsnachweise der homöopathischen Arzneimittel in der Regel nicht wissenschaftlich-analytisch, sondern empirisch geführt werden; dies kann evtl. auch als Parallele zur Beurteilung der Qualität von Lebensmitteln aus biologisch-dynamischer Wirtschaftsweise dienen.

Wissenschaftlich angelegte Untersuchungen in den letzten zwei Jahrzehnten haben nur vergleichsweise geringe Unterschiede zwischen Lebensmitteln aus ökologischer Landwirtschaft und Lebensmitteln aus konventioneller Landwirtschaft aufgezeigt. Das liegt allerdings wohl daran, dass durch immer strengere Vorschriften auch im konventionellen Landbau und in der konventionellen Viehhaltung toxisch bedenkliche Stoffe verboten bzw. die Verwendung von technisch nicht erforderlichen Stoffen begrenzt wurde. Dies gilt sowohl für die Pflanzenbehandlung, die Schädlingsbekämpfung, den Vorratsschutz und die Futtermittel einerseits als auch für die Herstellung der Lebensmittel durch Verbote bzw. Höchstmengen an Rückständen aus der landwirtschaftlichen Erzeugung andererseits. Nach Vogt weisen ökologisch erzeugte Nahrungsmittel niedrigere Nitrat- und Pestizidgehalte auf, während sich die Gehalte an wertgebenden Inhaltsstoffen nur geringfügig unterscheiden. Ähnliche Ergebnisse seien bei Fütterungsversuchen von Tieren mit ökologisch oder konventionell erzeugtem Futter festzustellen. Diese Feststellungen entsprechen Erhebungen, die behördlich und durch Ministerien veranlasst wurden und bei denen gleichfalls nur geringfügige Unterschiede hinsichtlich der Rückstände an Pflanzenbehandlungsmitteln usw. festgestellt wurden. Dass Unterschiede bei ubiquitär vorkommenden Stoffen nicht möglich sind, liegt auf der Hand.

Die Vertreter der ökologischen Landwirtschaft nehmen für ihre Produkte gegenüber den konventionell hergestellten Lebensmitteln in Anspruch, dass ihr Geschmack intensiver sei. Das muss allerdings nicht auf dem ökologischen Landbau beruhen, weil den Geschmack der Lebensmittel beeinflussende Faktoren auch im konventionellen Anbau berücksichtigt werden, insbesondere die Auswahl der Pflanzen, deren Reifung, Lagerung und Verarbeitung sowie bei tierischen Lebensmitteln die Zuchtauswahl, der Schlachtvorgang und die Art der Verarbeitung.

Die Betrachtung der Geschichte des ökologischen Landbaus zeigt, dass diese Konzepte, wie so viele Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte, zunächst durch weltanschauliche, reformerische und religionsähnliche Gedankenwelten ausgelöst wurden, dass diese Vorstellungen mehr und mehr in die Realität des menschlichen Verhaltens eingingen und schließlich immer mehr der Praxis angepasst wurden. Der nächste Schritt, auf den wir im nächsten Teil eingehen, war die rechtliche Erfassung. Und es muss wohl angenommen werden, dass dem jetzt die bürokratische Akribie  gefolgt ist.

Der Verbraucher partizipiert an der ökologischen Landwirtschaft, soweit es um die wissenschaftlich erfassbare Qualität der Lebensmittel geht, wohl nur wenig. Sein Vorteil besteht aber darin, dass durch die ökologische Landwirtschaft die Bedeutung der Direktvermarktung und der schonenden Verarbeitung von Lebensmitteln auch in den Augen der Politik zugenommen hat. Wenn dies auch - recht unsanft - durch die BSE-Krise erst richtig gefördert wurde, bleibt doch als Verdienst der ökologischen Landwirtschaft, dass sie für die jetzige Situation notwendige Konzepte zur Verfügung stellen kann.

Die Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung macht aber auch deutlich, dass die ökologische Landwirtschaft

- für eine Schonung der Umwelt sowie

- für den Tierschutz

weit mehr Bedeutung hat, als für die Qualität der Lebensmittel. Es ist zu hoffen, dass der Verbraucher dies honoriert, indem er beim Kauf von Lebensmitteln nicht nur auf den Preis achtet.


 

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